Die Schweiz hat ein Torhüterproblem

13/14 - 15/160 Tage Pause1+ Tage Pause%
EHC Biel549636%
EV Zug549636%
Fribourg-Gottéron529835%
Genève-Servette HC4610431%
HC Ambri-Piotta559537%
HC Davos539735%
HC Lugano519934%
Kloten Flyers529835%
Lausanne HC4610431%
SC Bern559537%
SC Rapperswil-Jona Lakers326832%
SCL Tigers183236%
ZSC Lions3611424%

In der NBA gibt es den Ausdruck "Schedule loss", also eine "Spielplanniederlage". Gemeint sind damit Spiele, in denen man selbst am vorherigen Abend gespielt hat - also das zweite Spiel innert zwei Tagen bestreitet - und der Gegner nicht. Der Nachteil (oder Vorteil, je nach Sichtweise) ist offensichtlich. Selbst Spitzenathleten brauchen Pausen. Und wenn nur ein Team eine vernünftig lange Pause hat, ist dieses offensichtlich deutlich im Vorteil. Das gleiche Konzept gilt natürlich auch im Eishockey. Naja, fast. In der DEL ist der Spielplan so ausgelegt, dass es nur in den seltensten Fällen dazu kommt, dass ein Team in zwei aufeinanderfolgenden Tagen spielen muss. Eine typische Woche für einen NLA-Club in der Qualifikation (auch: Hauptrunde, Regular Season, etc.) beinhaltet jeweils ein Spiel am Freitag und am Samstag. Natürlich gibt es auch Abweichungen und feiertagsbedingte Ausnahmen, aber grundsätzlich ist das der Rhythmus, in dem NLA-Teams spielen.
Die Spielplanarchitekten der NLA lassen zwar viele derartige Spiele zu, aber geben sich immerhin Mühe, den Spielplan fair zu gestalten. Soll heissen: Wenn ein Team Freitag und Samstag ran muss, spielt es auch nur gegen ein Team, dass ebenfalls Freitag und Samstag spielt. Und nicht nur das. In back-to-backs wechseln sich Heim und Auswärts auch immer ab. Also wenn ein Team Freitag auswärts spielt, trifft es Samstag im eigenen Stadion auf ein Team, das am Freitag Heimrecht hatte.

So weit, so gut. Der Spielplan ist also fair. Warum schreibe ich dann darüber? Naja, was sich in der NHL gezeigt hat, ist, dass Torhüter von diesem Effekt sehr stark betroffen sind. NHL-Torhüter, die in back-to-backs spielen, halten im Schnitt 90.1% der Schüsse auf ihr Tor. Torhüter, deren Team in einem back-to-back spielt, die aber am Vorabend nicht spielen durften/mussten, halten im Schnitt 91.2%. Und das obwohl es wesentlich wahrscheinlicher ist, dass in Spiel 2, wenn denn gewechselt wird, nicht der #1-Torhüter spielt.

Vielspieler

Mittlerweile sollte klar sein, worauf ich hinaus will. Trotz der in der NHL gefundenen Erkenntnisse spielen Torhüter in der NLA andauernd Freitag und Samstag. Folgende Torhüter haben in den letzten 3 Jahren mehr als 45 Spiele in einer Hauptrunde gemacht: Stephan (in allen drei Saisons), Genoni (14/15 und 15/16), Conz (13/14 und 15/16), Christobal Huet (13/14 und 15/16), Robert Mayer (15/16), Sandro Zurkirchen (15/16), Martin Gerber (im zarten Alter von 41 2015/16) und Marco Bührer (2013/14). Und das obwohl jeder der Clubs mindestens 15 mal pro Saison back-to-back spielen musste.

Wenn man nun die Erkenntnisse über Torhüter aus der NHL, die Informationen über die Häufigkeit von back-to-backs und die Tatsache, dass in der NLA viele Torhüter sehr viel spielen, kombiniert, ergibt sich eine mögliche Marktineffizienz. Wenn die Erkenntnisse aus der NHL auch auf die NLA zutreffen, könnte ein schlaues Team sich auf recht simple Weise ein paar Gegentore sparen. Natürlich gibt es Gründe, zu glauben, dass das in der NLA nicht zurtrifft. Deutlich geringere Reisedistanzen zum Beispiel. Selbst von Genf nach Davos oder Lugano (die weitesten Distanzen, die ein NLA-Team zurücklegen muss) kommt man mit einer 5-stündigen Autofahrt. Oder ein langsameres, weniger intensives Hockey, das die Torhüter nicht so auslaugt.

Am besten kontrollieren wir die These aber einfach einmal stichprobenartig für einige Torhüter. Gewählt habe ich hier 7 der oben angesprochenen Vielspieler. Gerber, Stephan, Zurkirchen, Genoni, Mayer, Conz und Huet. Die Daten sind aus den Saisons 2014/15 und 2015/16. Da Unterschiede in der Fangquote nicht sonderlich intuitiv verständlich sind, stehen hier neben der Anzahl der Spiele und der Fangquote in back-to-backs und in Spielen mit mindestens einem Ruhetag ausserdem noch die Differenz zwischen den beiden Fangquoten, ausgedrückt in Toren. Also: Wie viel Tore kostet mich die schlechtere Leistung meines Torhüters in einem Back-to-Back (gerechnet mit dem NLA-Durchschnitt von 34.2 Schüssen pro Spiel)?

13/14 - 15/16Gegentore pro SpielFangquote
Starter (26+ Spiele)2,5991,4%
Backup (6-20 Spiele)3,0090,6%
Replacement (<6 Spiele)3,8289,1%

Das spricht doch klare Worte. Alle Torhüter sind deutlich besser, wenn sie mindestens einen Tag Pause zwischen den Spielen haben. Und die meisten Torhüter sind ohne Pause so schlecht, dass man getrost eigentlich auch den Backup einsetzen könnte. Der durchschnittliche Backup (nach meiner Definition ein Torhüter, der zwischen 5 und 20 Spielen macht) hat eine Fangquote von 90.6%. Huet, Zurkirchen und Genoni könnten zwar argumentieren, dass sie selbst ohne Pause noch besser sind, ich wage aber zu behaupten, dass auch denen 10 Spiele weniger ihren Rhythmus nicht komplett ruinieren würden.

Ich bin zwar kein Experte in Sachen Erschöpfung, aber die Vermutung liegt nahe, dass hier auch ein kumulativer Effekt auftritt. Sprich: Spiele unter Überlastung wirken sich nicht nur negativ auf die Leistung im aktuellen Spiel aus, sondern die Anhäufung mehrerer solcher Spiele kann auch einen negativen Effekt auf die Leistungen in den weiteren Saisonspielen haben. Und das nicht nur durch schlechtere Leistungen, sondern auch durch ein erhöhtes Verletzungsrisiko.

Fazit

Der NLA-Spielplan ist zwar fair, aber die häufig auftretenden Back-to-backs bieten den Clubs in jeder Qualifikation häufig Gelegenheit dazu, ihre Torhüter zu überspielen. Aus dieser Fehleinschätzung der mentalen und körperlichen Fähigkeiten der Torhüter können gewitzte Clubs Vorteile ziehen.
Ich persönlich bin zwar kein Fan von einem 1A/1B-Konzept - zwei gute Torhüter kosten meist zu viel Geld, wenn man beachtet, dass immer nur einer im Tor stehen kann - aber ein vernünftiger Backup, der der #1 zumindest den Grossteil der müssigen Samstagsspiele abnehmen kann, sollte eine vernünftige Investition sein. Nicht nur durch einen zuverlässigeren Rückhalt in den zweiten Spielen, sondern auch durch eine frischere, weniger verletzungsanfällige #1. Die Schweiz hat ein Torhüterproblem. Ihre besten Torhüter spielen zu viel.