Interview mit CSS-Scout Thomas Roost

Als aussenstehender Beobachter des Eishockeys ist es immer interessant Einblicke und Meinungen von Menschen aus dem Inneren des Profisports zu bekommen. Eine dieser Personen ist Thomas Roost, eurpäischer Scout für den Central Scouting Service der NHL (wer mal eine Liste mit Talenten für den kommenden Draft auf NHL.com gelesen hat, für diese Listen ist der CSS verantwortlich). Beim Lesen seines Blogs fiel mir auf, dass er neuerem Eishockeywissen nicht widerwillig gegenübersteht, sondern versucht, das mit seinen Beobachtungen zu verbinden.

Beim Lesen fielen mir dann natürlich sofort einige Fragen ein, die ich ihm gerne stellen würde, über Scouting im Allgemeinen, die Einbindung von Statistiken und die Lage in Europa und Deutschland. Und das Beste an der Geschichte? Er war sogar sofort dazu bereit, diese zu beantworten:

Q & A

Daniel Weinberger: Durchsucht man die Internetpräsenzen der europäischen Eishockeyclubs fällt einem schnell auf, dass nur sehr wenige Scouts auf ihrer Personalliste stehen haben. Vor allem, wenn man das mit den Klubs in Nordamerika vergleicht. Wie sieht denn das Scouting der europäischen Teams aus?

Thomas Roost: Ja, in den europäischen Ligen liegt das Scouting gegenüber der NHL um Lichtjahre zurück. Dies liegt einerseits sicher am europäischen Profisportsystem bei dem der finanzstärkste Club auch die besten Spieler erhält. Dies führt sogar oft dazu, dass Agenten die besten Spieler den finanzschwächeren Clubs gar nicht erst anbieten. Trivial ausgedrückt: Scouting ist in den europäischen Ligen nicht so wichtig weil man Fehler mit Geld korrigieren kann und für die finanzschwachen Clubs bleiben oft nur die Brosamen (CH: Krümel) übrig. Der zweite Grund ist, dass die NA Profisportkultur professioneller ausgebildet und strukturiert ist als hier. D.h. Innovationen kommen oft von NA und wir - speziell auch in der Schweiz - stehen solchen Innovationen (zu) oft konservativ, skeptische gegenüber. 

DW: Sollten die grösseren finanziellen Unterschiede nicht eigentlich im Umkehrschluss bedeuten, dass gerade die finanzschwachen Teams deutlich mehr in Dinge wie z.B. Scouting investieren sollten, um ihre Transfers zu verbessern?

TR: Ja, absolut richtig, die finanzschwachen Teams sollten vermehrt ins Scouting investieren. Bei den finanzstarken Teams ist dies nicht so wichtig. Aber auch bei den finanzschwachen Teams ist das alles nicht ganz soooo wichtig wie in der NHL mit den Draft- und Trade-System denn wenn man als Scout eines finanzschwachen Teams gute Spieler ortet dann landen sie am Ende trotzdem (zu) oft bei den finanzstarken Teams, es nützt nicht immer so viel wenn man zuerst gute Spieler ortet. Trotzdem. Zu 75% unterstütze ich Ihre Meinung.

DW: Unter Scouting stellt man sich vor, dass jemand bei u18-Spielen in einer fasst leeren Eishalle sitzt und Notizen macht. Wie viel Ihrer Arbeit besteht wirklich aus dem Gucken von Spielen und wie viel besteht aus Kontakt mit vertrauenswürdigen Kollegen, deren Meinung man sich einholt/austauscht?

TR: Modernes Scouting ist für mich wie eine Art realistische Geheimdiensttätigkeit, d.h. das Einholen und Einordnen von Informationen. Hierzu gehört selbstverständlich traditionelles Scouting mit den Besuchen von vielen Spielen - vor allem Spielen mit internationalem Format. Hinzu komt aber auch das Recherchieren im Web, das Ausfindigmachen von zuverlässigen Informanten in allen Erdteilen und das Videostudium. Es ist nicht entweder/oder, sondern sowohl/als auch.

DW: Gibt es einen Unterschied zwischen dem Scouting von jungen Talenten und erwachsenen, etablierten Profis?

TR: Ja, das ist ein Unterschied. Bei etablierten Spielern muss das aktuelle Stärken-/Schwächen-Profil möglichst präzise analysiert werden. Bei einem Juniorenspieler muss man vorherzusagen versuchen, wie gut er mit ca. 27-28 Jahren sein wird.

DW: Und wie stellt man das an? Geht es hier schlichtweg nur darum, zu sehen, welche Spieler ihrer Altersklasse voraus sind?

TR: Beim Scouting von Junioren gibt es einen sehr wesentlichen Zusatzaspekt (neben den traditionellen technischen und physischen Beobachtungen) und dieser Aspekt nennt sich "Lernfähigkeit". Wenn ich bei einem Jungen grosse Lernfähigkeit feststelle (eine steile Lernkurve über die letzten drei Jahre z.B.) dann vermute ich, dass er mit 25 Jahren besser sein wird als sein gleichaltriger Kollege - der heute noch klar besser ist - aber eine weitaus flachere Lernkurve aufweist.

DW: Wie viele Spiele müssen Sie von einem Spieler gesehen haben, um eine selbstbewusste Aussage über sein Niveau machen zu können?

TR: Dies ist unterschiedlich, es gibt Spieler, die ich sehr schnell lesen kann und es gibt andere bei denen ich mir schwertue. Seriös wären persönliche Beurteilungen in wenigstens 10 internationalen, kompetitiven Spielen, nur ist dies bei vielen Spielern nicht möglich vor einem Draft.
Was aber sicher ist: Einen Spieler nur nach einem oder zwei Spielen zu beurteilen, ist höchst unprofessionell und fahrlässig. Denken wir daran, auch Sidney Crosby hat Spielen mit 0 Toren, 0 Assists und -3... und auch Sidney Crosby hat im Verlaufe einer Saison längere Perioden ohne Torerfolg.

DW: Dem deutschen Eishockey geht es nicht übermässig gut. Hierzulande wird meist die Schweiz (mit ihren wenigen erlaubten Ausländerlizenzen) als Vorbild herangezogen, wie man das deutsche Eishockey verbessern könnte. Als jemand, der viel mit jungen Spielern zu tun hat: Wo sehen Sie die Hauptprobleme im deutschen Eishockey und wie würden Sie versuchen, diese zu beheben?

TR: Ich glaube nicht, dass die aktuelle Mittelmässigkeit des deutschen Hockeys darin begründet liegt, dass wir hier in der Schweiz eine strikte Ausländerbegrenzung haben. Ich meine, ob man etwas mehr oder weniger Ausländer haben darf ist letztlich für die Qualität der "eigenen" Spieler mehr oder weniger unbedeutend. Was mir auffällt ist, dass Junioren im Alter von 15, 16 und 17 Jahren in der Schweiz schlicht und einfach einen feststellbaren Rückstand haben auf die Alterskollegen in den USA, Schweden, Finnland und zwar betr. hockeytechnische Grundausbildung (Scheibenkontrolle, Stickhandling, Schuss- und Passqualität, Skating). Ebenfalls feststellbar ist ein gewisser Rückstand - in exakt diesen Bereichen - der jungen Deutschen gegenüber den Schweizern. D.h. die jungen deutschen Hockeytalente sind von der Basisausbildung her deutlich im Rückstand gegenüber den Weltklassenationen und spürbar im Rückstand gegenüber der Schweiz. Ich meine, dass man bei der Grundausbildung der Allerjüngsten den Hebel ansetzen muss z.B. mit einem Weltklasseausbildner der das Ziel hat, die vielen leidenschaftlichen deutschen Ausbildner noch besser zu machen. Dies hätte meiner Meinung nach die grösste Hebelwirklung.

DW: Ist das langjährige Fehlen einer gut aufgestellten u20-Liga ein anderes Hauptproblem?

TR: Eine kompetitive Juniorenliga ist vielleicht auch ein kleines Mosaiksteinchen zur Verbesserung, das Hauptübel liegt aber in der Grundausbildung.

DW: Wie wichtig ist die Kenntnis, bzw. das schnelle Erkennen von Taktiken des Teams, um Spieler genau beurteilen zu können?

TR: Diesen Punkt will ich nicht überbewerten, Teamtaktiken sind nit sooo wichtig so wie ich meine, es gibt aber schon Spieler, die sich bei gewissen extremen Spielstrategien gar nicht oder eben extrem gut entfalten können und bei solchen extremen Beispielen findet dies selbstverständlich seinen Weg in die Beurteilung des Spielers.

DW: Nordamerika hat gerade den "Summer of Analytics" hinter sich. Die Akzeptanz der statistischen Analyse in der Öffentlichkeit scheint unheimlich gestiegen zu sein. Blogger wie Tyler Dellow, Eric Tulsky, Cam Charron, Corey Sznajder, Sunny Mehta, Tim Barnes, Dimitri Filipovic oder Darryl Metcalf arbeiten mittlerweile für NHL-Teams.
In Europa scheint das, zumindest in der Öffentlichkeit, noch nicht so zu sein. Liegt das nur daran, dass die Berichterstattung weniger omnipräsent ist und die Medien dies noch nicht aufgeschnappt haben oder hängt das europäische Eishockey in Sachen statistischer Analyse wirklich noch zurück?

TR: Ja, Europa hängt diesbezüglich hinter Nordamerika zurück, gar keine Frage. Ich bin überzeugt, sobald nachweislich positive Analytics-Erkenntnisse aus Nordamerika bis zu uns durchdringen werden auch europäische Clubs nachziehen, vermutlich nicht in aller Konsequenz aber doch immerhin ansatzweise.

DW: In einem Blogeintrag schrieben sie jüngst:
"Das Eishockey wird sich mit Hilfe von vielen kleinen Erkenntnissen von höchst unterschiedlichen Personen schrittweise weiterentwickeln. Für budgetschwache Teams gilt es, mehrere dieser kleinen Erkenntnisse früher zu entdecken als die Konkurrenz. Dieser steinige Weg führt nicht zu kurzfristig spektakulären Ergebnissen, sondern langfristig zu nachhaltigen, kleinen und manchmal fast unscheinbaren Resultaten. In der Summe provoziert dies dann aber den ersehnten, stabilen Schritt nach vorne."
Dieser Abschnitt hätte sich in jedem Artikel eines #fancystats-Blogs äusserst wohl gefühlt. Woher kommt die Offenheit gegenüber neuen derartigen Ideen Ihrerseits?

TR: Ich persönlich bin ein ständig Suchender und will mich immer verbessern, als Scout und Hockeyexperte. Aus diesem Grund hinterfrage ich mich ständig und suche nach Verbesserungsmöglichkeiten in der Vorhersage über Spieler. Professionelle Analytics wird dabei hundertprozentig helfen, da bin ich überzeugt. Das ist der nächste Meilenstein bei der Hockeyanalyse, die bis jetzt vor allem in unseren Breitengraden viel zu sehr auf gefühlsmässigen Aspekten beruht, die kaum je bewiesen werden können. Auch halten sich immer noch erstaunlich viele "Weisheiten", die keine sind, aber von vielen Coaches, Spielern, Medienvertretern und Fans am Leben gehalten werden.

DW: Wie binden Sie Statistiken in Ihre Arbeit ein, vor allem in Ligen, die herzlich wenig an detaillierten Statistiken bereitstellen?

TR: Seriöse Statistiken sind extrem wichtig für mich. Leider finden sich kaum detaillierte Statistiken zu Juniorenspielen weshalb ich mir dann manchmal selbst behelfe, z.B. Bully-Statistiken, etc. Wichtig ist, dass man nicht nach 2-3 Spielen oder nach einer Turnierwoche mit Spielerstatistiken Wahrheiten "beweisen" will. Statistiken taugen nur was, wenn man eine bestimmte Mindestanzahl von Zahlen hat, d.h. beispielsweise Statistiken aus 82 NHL-Spielen nehme ich exrem ernst, vor allem auch wenn sie in Relation zu Eiszeiten und Zone-Entries gestellt werden. Scorerpunkte oder Fangquoten aus nur wenigen Turnierspielen nehme ich nur sehr ansatzweise ernst.

DW: Was halten Sie von den Zone Exit und Entry-Statistiken, die derzeit immer weiter verbreitet werden, sowohl in der NHL durch das Projekt von Corey Sznajder, als auch in der SHL durch Numerärt Övertag (und natürlich auch hier für die DEL)? Können Ihnen derartige Microstats bei ihrer Arbeit helfen?

Ja, derartige Statistiken helfen definitiv für die Abrundung einer Berichterstattung über Spieler und über die entsprechende Vorhersagequalität. Abschliessend will ich sagen, dass ich kein reiner Verfechter von Hockey Analytics bin. Auch hier, "sowohl/als auch" und nicht "entweder/oder". Ich respektiere das klassische Scouting sehr und die subjektiven Eindrücke aus den Livespielen in der Eishalle sind extrem wichtig. Genau so wichtig sind aber die neuen Ansätze in der Hockey-Analytics wie auch die Informations-Beschaffung über Spieler, d.h. jeder Scout benötigt auch möglichst hochkarätige so genannte "Bird-Dogs", d.h. ich bin auf Zuträger von qualitativ hochstehenden Informationen angewiesen und verfeinere mein diesbezügliches Informationsnetz weltweit ständig. Am Ende muss man aber auch aufpassen, dass man keinen Informations-Overkill hat. All dies muss auch effizient und schnell sein, d.h. Aufwand und Ertrag all dieser Anstrengungen muss in einem vernünftigen Verhältnis stehen und man muss sich auch trauen, Entscheide zu treffen und verbindliche Aussagen machen wenn man nicht hundertprozentig gut informiert ist. Erfolgreiche Scouts dürfen sich nicht scheuen, sich auch mal zu blamieren!

An dieser Stelle nochmal ganz herzlichen Dank an Herrn Roost!