Helvetische Aufbauprobleme bei Olympia

Während dem olympischen Eishockeyturnier habe ich mir die Mühe gemacht, einige Spiele der Schweizer Herrennationalmannschaft zu analysieren. Um das ganze etwas abzurunden ist hier noch eine abschliessende Analyse zu einem bestimmten Aspekt des Schweizer Spiels. Normalerweise folge ich bei Analysen immer dem Vorbild von Rene Maric und lege meinen Fokus bei schlechten Ergebnissen zunächst auf die positiven Aspekte des Spiels/der Spiele und bei positiven Ergebnissen zuerst auf die verbesserungswürdigen Dinge. Aber wenn ich mir die Stimmung der Berichterstattung um das Schweizer Team so angucke, lass' ich das wohl besser sein und springe mit beiden Beinen ins Negative:

Schnelle Breakouts:

Beim Spielaufbau unterscheide ich schnelle Breakouts (Puck erobern, Scheibe geht in die andere Richtung) von Control Breakouts (Gegner formiert sich in NZ, Angriffsstart hinterm eigenen Tor. Flying V, Mighty Ducks, sowas.). Und bei schnellen Breakouts hatten die Schweizer bei diesem kurzen Olympiaauftritt einige Probleme.

Breakouts.png

Erst mal die nackten Zahlen (hier: Schüsse, Torchancen und Anzahl der erspielten Puckbesitze in der Offensivzone aus schnellen DZ-Breakouts). Nur bei jedem 10. Breakout (gegen CZE und CAN) einen Schuss zu produzieren ist kein Zeichen eines guten Spielaufbaus. Das Spiel gegen Deutschland ist zwar besser, aber eigentlich immer noch nicht auf einem Niveau das den Ansprüchen genügen kann.

Die Schweiz hatte in allen drei analysierten Spielen Probleme damit, am gegnerischen Forechecking vorbeizukommen. Ob man die Verbesserung nun wirklich als eigene Verbesserung oder als konsekutiv schwächere Gegner interpretieren will, sei jedem Leser selbst überlassen.

Wenn es am Spielaufbau hapert und die Scheibe zu oft beim Gegner landet, sucht man die Schuld schnell bei den Verteidigern. Vergleicht man die Passwege bei erfolgreichem Spielaufbau mit denen bei fehlgeschlagenen Breakouts (Gallerie unter diesem Abschnitt) macht sich eines bemerkbar: Setzt man die Verteidiger unter Druck und nimmt ihnen die Möglichkeit über die Mitte zu spielen, kommen sie in Schwierigkeiten:

Die Probleme im Spielaufbau schlagen sich aber nicht nur in weniger eigener Offensive nieder. Häufig kann der Gegner mit dem frisch zurückgewonnen Puck ja noch etwas anfangen.

DZ Turnovers ´

Unterteilt man die Torschüsse und -chancen der Schweizer und ihrer Gegner in verschiedene Spielsituationen, erkennt man dass der Grossteil der gegnerischen Überlegenheit aus Scheibeneroberungen in der Offensivzone resultiert:

sits_totals.png

Man hat es dem Gegner also zu oft ermöglicht, den Puck in der Offensivzone zu erobern. Nun kann das auf zwei Arten passieren: 1. Der Gegner erobert eine freie Scheibe (zum Beispiel nach einem Schuss oder Dump-in) 2. Man ist in Scheibenbesitz und verspielt den Puck. Betrachten wir doch mal die Aktionen mit der Scheibe in der DZ der SUI-Verteidiger:

SUI_exits.png

Sehr viel rot. Aus Erfahrungswerten würde ich sagen, dass alles unter 80% nicht sonderlich gut ist. Natürlich kann man Turnovers nicht nur Verteidigern ankreiden. Für einen guten Spielaufbau braucht es funktionierendes Zusammenspiel von Stürmern und Verteidigern, wenn keine Outlets vorhanden sind, landet die Scheibe zwangsläufig beim Gegner.

Die meisten dieser vielen Turnovers kommen entlang der Bande, also in Situationen, in denen man keinen schönen, sauberen Pass spielen kann.

dmen_to.png

Das sorgt dafür, dass der Gegner bei 28% der Angriffe, bei denen der Gegner einen Schuss abgibt, mindestens noch ein Mal schiessen kann bevor die Scheibe geklärt wird (er die Scheibe also nach einem Schuss noch einmal erobert und schiessen kann). Bei der letzten WM waren es lediglich 23% (zugegeben aber auch gegen teilweise klar schlechtere Gegner als bei diesem Olympia-Turnier).

NZ-Sequenzen

Wenn man es nun vermeidet, die Scheibe im eigenen Drittel zu verlieren und sie stattdessen unkontrolliert aus dem eigenen Drittel bringt (besser als ein Turnover im eigenen Drittel, aber nicht wirklich gut), kann der Gegner meistens den nächsten Angriff fahren. Diese NZ Regroups (siehe Beispielvideo) produzieren i.Allg. auch mehr Offensive als Breakouts aus der eigenen Zone (Quick Breakout bei Olympia: 0.15 Schüsse/0.04 Chancen pro Sequenz, NZ Regroup: 0.23 Schüsse/0.08 Chancen pro Sequenz)

Nun sind die Schweizer nicht übertrieben schlecht darin, diese Situationen zu verteidigen (das deutsche Team ist z.B. merklich schlechter in diesen Situationen), aber wenn man den Gegner oft genug in derartig vorteilhafte Situationen bringt, schadet einem das:

SUI_poss_types.png

Das soll verdeutlichen, dass die Schweizer zwar durchaus weniger effizient in den einzelnen Spielsituationen waren (was ja aber gegen CAN und CZE auch zu erwarten war), aber ihre grosse Schwäche im Spielaufbau sich eben nicht nur in reduzierter Offensive niederschlägt, sondern es dem Gegner auch einfacher macht, selbst Offensive zu generieren.