Meinung: Zum deutschen Eishockey

Wie der Titel verrät, beinhaltet dieser Artikel keine statistische Analyse, sondern beschreibt meine Meinung zur aktuellen Situation des deutschen Eishockeys.

Auf Liga-/Verbandsebene gibt es im Eishockey zwei verschiedene Fragen:

  1. Wie machen wir das Eishockey in unserem Land besser?
  2. Wie machen wir unsere Liga profitabler (weniger unprofitabel)?

Diese Fragen sind zwar unterschiedlich, aber definitiv zu grossen Teilen verknüpft, da auch die Probleme des deutschen Eishockeys verknüpft sind. Einerseits gibt es den Verband, dessen Ziel es ist, den Sport und dessen Status/Verbreitung im Land zu fördern. Andererseits gibt es eine Liga, deren Teams (zu großen Teilen) Verluste einfahren. Die Manager beschweren sich (übrigens nicht nur in Deutschland) über steigende Löhne und spielen mit dem Gedanken, die Anzahl der pro Spiel einsetzbaren Ausländer zu erhöhen, um dem entgegenzuwirken.
Wirtschaftlich macht das durchaus Sinn. Wenn Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, dann lässt sich der Preis senken, indem man das Angebot erhöht, also den Pool der legal einsetzbaren verfügbaren Spieler erhöht. Eine Möglichkeit dazu ist eben die Erhöhung der Ausländerlizenzen (nennen wir das Möglichkeit A).

Bei Möglichkeit A kommt der erste Konflikt mit dem Ziel des Verbands. Nicht weil mehr Ausländer auch weniger Deutsche bedeuten, sondern weil es hier um Gelderverteilungen geht. Manager stehen unter Erfolgsdruck. Einem Manager bringt es nichts, ein paar talentierte, junge Spieler mehr zu "produzieren", wenn er nicht mehr der Manager des Teams ist, wenn diese Jungs ernsthafte Rollen in der DEL bekommen. Daher sind die meisten Manager (aus egoistischer Sicht korrekterweise. Wer verliert schon gerne seinen Job?) eher kurzfristig orientiert. Und wenn ich meiner Mannschaft jetzt helfen kann, indem ich noch nen Ausländer hole oder irgendwann vielleicht mal helfen kann, indem ich das Geld in bessere Ausbildung investiere, ist die Entscheidung einfach. Und durch mehr mögliche Plätze für ausländische Spieler fällt die Entscheidung noch leichter. Denn etablierte Deutsche sind zu teuer und Spieler aus dem Nachwuchs zu schlecht.

Eine Erhöhung der Ausländerlizenzen ist also eine Möglichkeit für die Liga, kurzfristig die Kosten zu senken/nicht weiter zu erhöhen.
Eine wesentlich nachhaltigere Lösung wären mehr Investitionen in die Jugendarbeit um das grössere Angebot an Spielern zu erzeugen. Junge Spieler haben weniger Macht in Verhandlungen und verdienen weniger Geld. Aber solche Investitionen kommen erst, wenn man Manager dazu zwingt. Dass sie von alleine kommen, sollte nun auch der letzte im deutschen Eishockey für unrealistische, idealistische Träumerei halten. Nur, wie zwingt man Clubs zu ihrem Glück?
Einerseits gibt es Programme wie POWERPLAY26. Doch von oben verordnete Programme sind meiner Meinung nach immer nur von beschränkter Effektivität. Was wirklich hilft, ist wenn Clubs selbst merken, dass sie in Nachwuchs investieren müssen, oder auf Dauer nicht mehr mithalten können. Und das funktioniert meiner Meinung nach nur durch eine Reduzierung der Ausländerlizenzen. Denn die Mannheims und Kölns müssen eigentlich gar nicht in Nachwuchs investieren. Die haben genug Geld, um die paar talentierten Spieler, die das deutsche Eishockey hergibt, auf der Höhe ihre Fähigkeiten zu locken. 

Wenn man mehr deutsche Spieler einsetzen muss (und es gibt nur eine begrenzte Anzahl an eindeutschbaren, hockeykompetenten Kanadiern), merken Teams, dass es sich lohnt, selbst welche hochzuziehen. Natürlich lässt sich eine radikale Senkung von 9 auf 5 nicht durchsetzen, allein schon wegen den länger laufenden Verträgen. Aber schrittweise. Mehr und mehr.

Ich wage zu behaupten, dass der gemeine Hockeyfan den Qualitätsunterschied nicht bemerkt, wenn statt 2 enttäuschenden Kanadiern pro Team nun Nikolas Linsenmaier, Andreas Pauli, Patrick Pohl, Tobias Kunz, Christoph Gawlik, Andreas Driendl, Fabio Carciola und Arturs Kruminsch in der 3./4. Reihe spielen. Würde mich sehr überraschen, wenn da auf einmal tausende Fans wegbleiben, weil sie vom neuen Niveau der DEL enttäuscht sind.

Das behebt die finanziellen Probleme zwar kurzfristig nicht, aber verschiebt die Motivation der Klubs in eine positive Richtung. In der Schweiz hat das funktioniert. Man kann Firmen nicht erlauben Chemiemüll im Bach zu entsorgen und sich dann darüber beschweren, dass sie nicht von alleine im Wohle der Gesellschaft handeln. (Die Metapher ist sicherlich arg überzeugen, mir ist aber nichts besseres eingefallen...

Einer der ersten Schritte zur Verbesserung der deutschen Jugendarbeit sollte neben der Investition in Programme an der Basis (mehr Kinder zum Eishockey bringen) die Einführung einer u20-Liga sein. Diesen Missstand habe ich schon häufiger angeprangert, denn er ist meiner Meinung nach einer der Hauptgründe dafür, dass die DEL nicht auf mehr junge deutsche Spieler setzen kann. Anscheinend ist das geplant, aber ich behandle das so, wie die Absicht des DEB bis 2026 um Medaillen zu spielen: Ich glaube es, wenn ich's sehe.

DNL-Exkurs

Das Problem der DNL ist, dass die Altersbreite zu gross ist. Wenn man Spieler zusammenspielen lässt, die teilweise 4 Jahre Altersunterschied haben, schadet das der Entwicklung der älteren. Vergleichen wir mal die Altersverteilung in der DNL mit der in den beiden höchsten schwedischen Juniorenligen:

DNLdistr.png

Hier sieht man sehr gut, wie die DNL versucht, einen Spagat zwischen u18- und u20-Liga zu schaffen. Betrachtet man allerdings die separaten Entwicklungskurven der Punkte pro Spiel, sieht man, dass das eben nur bedingt sinnvoll ist:

dnl_comp.png

Wenn der Altersunterschied so gross ist, dominiert eben das Alter die Fähigkeitenunterschiede innerhalb der Liga und nicht zwingend nur das Talent der Spieler. Einem 20-jährigen bringt es für die eigene Entwicklung nichts mehr, gegen 17-Jährigen zu spielen. Die Kurven in den schwedischen Ligen sind flacher, was eben daraufhindeutet, dass z.B. in der u20-Liga nur 17-Jährige spielen, die das auch durch ihre Fähigkeiten rechtfertigen.

Dieser Entwicklungsverlust schlägt sich auch in den Leistungen der u-Nationalmannschaften nieder. Die u18 schneidet quasi konstant besser ab als die u20:

Das deutet daraufhin, dass in den beiden Jahren zwischen den beiden u-Turnieren irgendetwas passiert. Oder eben in Sachen Entwicklung nichts mehr passiert. Eine vernünftige u20-Liga wäre sicherlich ein wichtiger Schritt, das vorhandene Talent nicht einfach stagnieren zu lassen, sondern eben auch den 99% der 19- und 20-Jährigen, die noch nicht reif für ernsthafte Rollen in der DEL oder DEL2 sind, ernsthafte Möglichkeiten zur Weiterentwicklung zu bieten. 

Fazit

Ich kann verstehen, dass eine Liga, in der Teams wie die Hamburg Freezers, EHC München (fast), DEG Nicht-mehr-Metro Stars (fast), Hannover Scorpions, Nicht-mehr-Sinupret Ice Tigers Nürnberg (fast) Frankfurt Lions, Kassel Huskies, Füchse Duisburg, Schwenninger Wild Wings, Berlin Capitals und Moskitos Essen in den letzten 17 Jahren pleite gegangen sind, nach schnellen Lösungen für geringere Löhne sucht. Doch das ist das Problem einer Liga, die einen Standard sucht, der höher ist, als es das lokale Eishockey erlaubt. Deutschland hat aktuell schlicht zu wenig Talent, um eine DEL auf dem aktuellen Niveau zu grossen Teilen mit eigenen Spielern zu besetzen (und somit die Gehälter nach unten zu drücken). Die DEL hat nun zwei Lösungsmöglichkeiten:

  1. Die Liga weiter öffnen und versuchen, den aktuellen, ohnehin schon nicht gesunden Stand weiterzuschleppen
  2. Die Teams durch ein Senken der Ausländerlizenzen dazu zwingen, in den Nachwuchs zu investieren und so einen gesünderen Unterbau schaffen, der in der Zukunft für nachhaltige Entlastung sorgt.

Ein Mittelweg - zum Beispiel eine Erhöhung der einsetzbaren Ausländerlizenzen auf 11 und eine gleichzeitige Verpflichtung aller Clubs, pro Jahr zusätzlich eine sechsstellige Summe in den Nachwuchs zu investieren (eine Erweiterung des 5-Sterne-Programms zum Beispiel) wäre sicherlich auch vernünftig, scheint mir allerdings unrealistischer als die oben genannten Fälle.