Über einen Salary Cap in Europa

In den letzten Wochen kam immer wieder an diversen Orten die Idee auf, ob (und etwas seltener wie) man denn in europäischen Ligen - die Diskussionen, die ich wahrgenommen habe, behandelten natürlich hauptsächlich die NL und die DEL - einen Salary Cap einführen könnte.

Solche Diskussionen sind zwar verständlich, vor allem wenn man sich die Transfertrends anguckt. Ich habe aber dennoch einige Probleme mit diesen Vorschlägen, die ich im Folgenden in loser Form etwas genauer erklären möchte.

Mein Verständnis des Vorschlags

Um die Liga ausgeglichener zu gestalten und der bevorstehenden Langeweile vorzubeugen, soll eine Gehaltsobergrenze eingeführt werden, die dafür sorgt, dass die “grossen” Teams wie München, Mannheim, Zürich oder Bern ihre grösseren Budgets nicht mehr benutzen können, um den kleineren Teams die Stars wegzukaufen.

Je nach Vorschlag sollten folgende Elemente begleitend eingeführt werden:

  •  Ein Draft (die schlechtesten Teams werden also mit der Möglichkeit belohnt, die besten Jungtalente in ihr Team aufnehmen zu dürfen), der für einen zusätzlichen Talentausgleich unter den Teams sorgen soll
  • Revenue Sharing, also eine Geldumverteilung, bei dem etwaige Standortnachteile umsatzabhängig ausgeglichen werden sollen, indem die umsatzstärksten Teams Geld an die umsatzschwächsten abdrücken

Ich hoffe mal, dass das die Vorschläge einigermassen fair repräsentiert.

Probleme

Es fehlt die offensichtliche Not: In der Schweiz wurde gerade erst ein Fernsehvertrag unterschrieben, mit dem die Teams durchaus zufrieden sein sollten. Zuschauerzahlen (auch in Deutschland) sind nicht rückläufig, zumindest nicht so stark, dass man sich Sorgen machen müsste.
Für eine Revolution braucht es grosse Not, um die Trägheit zu überwinden und die scheint nicht vorhanden zu sein.

Langeweile?: In beiden Ländern wurde nun zwei Mal hintereinander das gleiche Team Meister. Ist das langweilig? Naja. Es gibt leider aus anderen Sportarten keinerlei Hinweise, dass “Langeweile” (also eine relativ grosse Klarheit darüber, wer die besten Teams hat/haben wird) zu Problemen führt. Sämtliche grosse Fussballligen haben ihre Probleme mit Langeweile, aber keine mussten rückläufige Umsatzzahlen verkünden. In der NBA ist das Finale seit drei Jahren mehr oder weniger vorprogrammiert und die Liga schreibt Rekordzahlen. Das Argument scheint theoretisch sehr viel Sinn zu machen aber praktisch habe ich noch keine Beispiele dafür gesehen, dass Langeweile zu Problemen führt. Ausserdem ist das Eishockey auch weit davon entfernt, so klare Sieger zu haben wie Fussball oder Basketball. Das ist auch dadurch bedingt, dass Eishockey...

  1. Viel zufallsabhängiger ist als Basketball
  2. Deutlich kleinere Budgetunterschiede hat als der Fussball
  3. Deutlich weniger Eiszeit für die Topspieler ermöglicht, was im Basketball und Fussball die Starabhängigkeit ebenfalls stark prägt

(Davon ganz abgesehen hatte die NHL in den letzten 9 Jahren nur 4 verschiedene Stanley Cup Champions. Die DEL 5, die NLA 3, SHL 6, Liiga 6)

Spieler wollen keinen Salary Cap: Ein Nebeneffekt einer Gehaltsobergrenze ist zwar, die Teams näher aneinander zu bringen, aber der Haupteffekt ist, dass die Spielergehälter eingeschränkt werden. Spieler und Agenten profitieren in keinster Weise von einem Cap-System. Im Gegenteil, ihre Mobilität und Arbeitgeberwahl wird radikal eingeschränkt. Somit gibt es schonmal einen grossen Block der schweizerischen/deutschen Eishockeywelt, die defintiv dagegen wäre.

Die Sache mit dem Geld: Die wenigsten Clubs schreiben schwarze Zahlen. Also auch kleine Clubs, die sehr viel weniger als Topclubs für Spieler ausgeben. Denen würde ein Cap mit ihren Gehaltsproblemen nicht helfen (ob Straubing nun maximal 7 Millionen Euro oder 200 Millionen Euro für ihre Spieler ausgeben darf spielt für die keine Rolle, da sie ohnehin klar drunter liegen). Da nicht davon auszugehen ist, dass die plötzliche Ausgeglichenheit für einen gigantischen Zuschauer- und Sponsorenboom sorgen würde (siehe NHL), hilft hier nur Revenue Sharing (oder man akzeptiert, dass es den kleinen Teams weiter scheisse geht, während die grossen mit dem Cap auf einmal schwarze Zahlen schreiben wie es in der NHL der Fall ist*). Und das ist ein sehr grosses Problem. Wo ist denn der Anreiz für Bern schwarze Zahlen zu schreiben, wenn ein Grossteil ihres Gewinns sowieso an die direkte Konkurrenz geht?
Ausserdem scheint mir hier sinnvoll, anzumerken: Wenn es “Investoren” gibt, die freiwillig Löcher stopfen und Geld in den Sport stecken, wieso sollte man die denn daran hindern? 

*Wer sich dafür interessiert, wieso der Cap die Probleme der kleineren Teams nicht behebt, darf gerne diesen Artikel hier lesen:
H is for Hockey Related Revenues

Zweitligateams (betrifft eher die Schweiz): Aufstiegswillige Teams der zweiten Ligen wären (verständlicherweise) aufgebracht über diese langfristige Zunichtemachung ihrer Aufstiegschancen. Der Swiss League würde damit sofort einiges an Anreiz genommen. Wenn man die Reaktionen des deutschen Publikums zur Abschaffung von Auf-/Abstieg als Messlatte nimmt, stünden hier ein paar PR-Probleme bevor. Natürlich sind diese nicht unüberwindbar (in Deutschland wird ja weiterhin Eishockey geguckt, obwohl gefühlt 90% der harten Fans Auf- und Abstieg unbedingt wollen), aber in einer Liga mit bestehendem Auf- und Abstieg, die nicht von Bankrotten geplagt ist und die noch zum Verband gehört, ist die Abschaffung deutlich schwerer umzusetzen.

Teams werden nicht magisch besser im Geldausgeben: Teams sind schlecht darin, ihre Gelder vernünftig zu verteilen, daran ändert ein Cap nichts.
Arizona, Edmonton, Columbus, Atlanta/Winnipeg, Florida, New York Islanders, Colorado, Carolina, Buffalo, Florida, Toronto waren in den letzten 10 Jahren maximal 3 Mal in den Playoffs. Diese 10 Teams kommen im Schnitt alle 4.8 Jahre in die Playoffs und gewinnen alle 14.3 Jahre mal eine Playoffserie.
Nimmt man Edmonton und Toronto aus, denen nun eine rosigere Zukunft blüht (einerseits durch ein Generationstalent, andererseits durch einige Riesentalente), verwechselt man auch in dieser Saison keines dieser Teams mit einem Titelanwärter.
Ob deren Situation nun wirklich beneidenswert viel besser ist als die von Ambri, Langnau, Straubing, Schwenningen oder Krefeld?
Ein Salary Cap ist kein sportliches Allheilmittel für grottige Teams.

Forcierte Ausgeglichenheit ist langweilig: Ich weiss, dass es in Eishockeykreisen verpönt ist, so etwas zu sagen, aber ich finde die Ausgeglichenheit der NHL langweilig. Die NBA hat diverse (stilistisch klar unterscheidbare) Superteams, bei denen sich das Einschalten lohnt. In der NHL ist es schon ne grosse Story, wenn Nashville 4 kompetente Verteidiger in einem Kader unterbringt. Spielermobilität bringt auch Möglichkeiten sich ein Team nach den eigenen Vorstellungen zusammenzustellen. In der NHL scheinen mir viel zu viele Teams mittelmässig und 0815 zusammengestellt.
Ich würde heute lieber nochmal ein Team wie die 01/02 Red Wings sehen, die mit Hasek, Chelios, Lidström, Datsyuk, Zetterberg, Holmström, Hull, Larionov, Robitaille, Shanahan, Yzerman besetzt waren, als mir angucken zu müssen, welches der 8-10 ununterscheidbaren Mittelmassteams noch nen Playoffplatz erobert.

Mit einem Draft verschwindet der Anreiz in die eigene Jugend zu investieren: Selbst, wenn es nur um die u20-Auswahl geht (also die +/- 22 besten Spieler jedes Jahrgangs), an die man pro Jahr vielleicht nur einen/zwei Spieler abgibt: Das sind genau die Spieler, für die man die Jugendarbeit betreibt.
Also muss man die Clubs mit Einführung eines Drafts auch gleichzeitig dazu zwingen, x Prozent ihres Budgets in Jugendarbeit zu investieren, was eine weitere Hürde sein dürfte.

Der Draft funktioniert ohnehin nicht sehr gut als Talentumverteiler: Ich bin zu faul, die Top 5-Draft Picks der oben genannten Teams zu zählen, aber es sind mehr als genug. Und ausser in Fällen wie Pittsburgh, Chicago und nun Edmonton scheint es kaum was gebracht zu haben. Riesentalente wie McDavid, Crosby oder Malkin werden in der Schweiz/Deutschland dann wohl doch eher ins Ausland abwandern statt ihre Karriere damit zu verbringen, Ambri oder Straubing zu einem Titelanwärter zu machen.

Man verliert international an Mithaltevermögen: Wenn man weniger Geld ausgibt, wird man einige talentierte Spieler verlieren. Auch wenn der Markt für Schweizer Drittreihenstürmer sicherlich auf die Schweiz beschränkt ist, haben die talentiertesten Spieler Optionen im Ausland. Und wenn die Bezahlung mal nicht mehr mithalten kann, nehmen einige Spieler diese Optionen dann halt wahr. Mal ganz abgesehen von den Ausländern, deren Qualität damit sicher auch sinkt. Das sind Probleme, die die vier grossen nordamerikanischen Ligen nicht haben, da sie die unbestrittenen Marktführer in ihren jeweiligen Sportarten sind.

Fazit

Ich finde ein Salary Cap kann durchaus Sinn machen. Ich würde mich allerdings sehr stark gegen einen "Hard Cap" - also eine feste Obergrenze, die man nicht überschreiten darf - wie in der NHL wehren und ein Soft Cap/Luxury Tax System wie das der NBA oder MLB bevorzugen.
Die Umstände in Europa sind allerdings derartig verzwickt, dass es einerseits sehr schwer wird, eine derart radikale Änderung überhaupt durchzusetzen und andererseits sehr schwierig ist, das richtige Gleichgewicht bei der Implementierung zu finden. Schliesslich gibt es diverse Interessensgruppen (Spieler, Grosse Clubs, Arme Clubs, Verbände, zweite Ligen, etc.), die allesamt ein Mitspracherecht haben.

Vor allem die Schwierigkeiten einer guten Umsetzung werden unterschätzt. Das ist sicher auch dadurch bedingt, dass der Salary Cap und die Situation der NHL allgemein etwas beschönigt wird. Den kleinen Teams wird ohne intensives Revenue Sharing nachweisbar kaum geholfen. Die schlechten Teams bleiben in den meisten Fällen schlecht, wenn sie nicht gerade Monstertalente zugelost bekommen (wobei die Schnittmenge zwischen "schlecht" und "nicht reich" hier auch recht gross ist). Dazu kommt, dass es keine Belege dafür gibt, dass Langeweile (ob gefühlt oder real) sich negativ auf die Umsätze auswirkt.
Natürlich ist es frustrierend für kleine Teams bzw. Fans von kleinen Teams, wenn ihnen dauernd die Stars oder auch die talentierten Rollenspieler weggekauft werden. Aber wie schon hier zum Thema finanzieller Determinismus beschrieben, fehlen mir von vielen kleinen Teams die kreativen Ansätze, die Budgetunterschiede wettzumachen, um Beschwerden über Chancenlosigkeit wirklich ernst nehmen zu können.