Zone Exits, der SC Bern und Fehleinschätzungen

Normalerweise kontrolliere ich nach jedem getrackten Spiel gleich die Resultate. "Ah, der war gut. ... OK, der hat im Spielaufbau ganz schön versagt." Einerseits ist das natürlich gut. Falsche Meinungen werden sofort korrigiert. Andererseits bauen sich so auch schnell Vorurteile auf. Wenn ich nach dem ersten SCB-Spiel sehe, dass Timo Helblings Stats besonders schlecht waren, beeinflusst das mein Denken in der Zukunft. Obwohl es sich bei dem Spiel vielleicht nur um eine Ausnahme gehalten hat. 
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf habe ich in den letzten Wochen ein kleines Selbstexperiment gestartet. Ich habe einige Spiele der laufenden Saison vom SCB getrackt, ohne die Play-by-play-Logs auslesen zu lassen. Soll heissen: Ich habe nicht nachgeguckt, wie die wirklichen Statistiken der Spieler aussehen. Handschriftliche Notizen gemacht habe ich auch nicht. Alles an Meinung ist lediglich auf meinem Erinnerungsvermögen basiert.

Kurze Anmerkung: Zum besseren Verständnis lohnt sich für diejenigen, die mit der Zone Exit/Zone Entry Nomenklatur noch nicht vertraut sind, ein Blick ins Lexikon.

Einerseits halte ich mich selbst natürlich - wie jeder Fan oder Fanalyst - für einen begnadeten Beobachter von Hockeyspielen. Dazu kommt, dass ich ja einiges über die Stats, die ich da tracke, weiss. Puck mit Kontrolle aus dem Drittel bringen: Gut. Puck stumpf raushauen: Schlecht. Also sollte ich ja recht genau beurteilen können, wie gut oder schlecht die Spieler in diesen Bereichen sind. Denn jedes Mal, wenn Beat Gerber einen guten Pass im eigenen Drittel spielt, notiere ich das ja. 

Andererseits habe ich in meinem aktuellen Trackingsystem ca. 600 Ereignisse pro Spiel, die ich aufzeichne. Davon werden ca. 350-400 einem Spieler des zu trackenden Teams zugeordnet (ein Pass in der Defensivzone, ein Zone Exit, ein Zone Entry und ein verteidigter versuchter Zonenbetritt des Gegners + Schussversuche, Tore und Strafen). Das alles korrekt im Kopf zu behalten scheint mir eine sehr schwierige Aufgabe. 

VERTEIDIGER

Gelb: Spieler, die mir hauptsächlich positiv in Erinnerung blieben, Rot: Spieler, die mir hauptsächlich negativ in Erinnerung blieben

 Weiter oben -> Weniger Fehler, Weiter Rechts -> Besser im Spielaufbau, Grössere Blase -> Mehr Defensive Zone Touches pro Spiel

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Hier mal meine subjektive Meinung in Form einer groben Rangliste der Verteidiger im Spielaufbau:

  1. Blum
  2. Untersander
  3. F. Randegger
  4. Kreis
  5. Gerber
  6. Krueger
  7. G.-A. Randegger
  8. Jobin
  9. Helbling

Gut: Blum richtig als Spitzenspieler erkannt, Untersander, Kreis und Flurin Randegger als effektive Spieler identifiziert, Helbling korrekt als Spieler mit zu viel Scheibenkontakten/Eiszeit erkannt.
Schlecht: Justin Krueger total unterschätzt. Natürlich ist er mit der fehleranfälligste Spieler der Berner, aber aus der grossen Wolke in der Mitte sticht er da nicht sonderlich auffällig heraus. Hatte ihn deutlich unkreativer im Kopf.
Beat Gerber durchaus etwas überschätzt. Das liegt vor allem daran, dass er eben keine Fehler macht. Bedeutet natürlich nicht, dass er ein sonderlich guter Spieler im Spielaufbau ist. Also mache ich unterbewusst eigentlich genau einen der Fehler, dessen Vermeiden eigentlich der Sinn dieser Statistiken ist. 

 Weiter oben -> Besser im Stören gegnerischer Entries, Weiter rechts -> Besser im Spielaufbau

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Hier sieht man, warum Jobin und Gerber auch immer noch in der NLA sind, sie sind defensiv sehr gut. Wahrscheinlich ist seine positive Defensivleistung auch ein Grund, warum ich Beat Gerber so positiv in Erinnerung hatte. Ausser ihm und Jobin ist mir defensiv eigentlich niemand besonders aufgefallen. Weder positiv noch negativ.

STÜRMER

Einfärbung hier etwas anders. Gelb sind Spieler, die mir besonders aufgefallen sind, Rot der Rest.

 Weiter oben -> Mehr Schussversuche pro Entry, Weiter rechts -> Mehr Entries mit Scheibenkontrolle, Grössere Blase -> Mehr Entries pro Spiel

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Hier möchte ich vor allem auf Cory Conacher eingehen. Er ist so auffällig, wenn er auf dem Eis ist, ob das jetzt ist, weil er punktet, Gegner stehen lässt oder Strafen zieht (in den 11 getrackten Spielen hat er 12 (12!) Strafzeiten gezogen). Daher hätte ich spontan vermutet, dass er auf jeden Fall einer der zwei, drei besten Berner ist, was Zone Entries angeht. Vor allem, da seine Geschwindigkeit so offensichtlich ist und er diese eben auch häufig effektiv nutzt.
Insgesamt ist er natürlich ein sehr guter Spieler, aber meine Vermutung, dass er eben durch die Neutrale Zone herausragend gut ist, hat sich zumindest in den von mir getrackten Spielen, nicht bestätigt (obwohl er hier natürlich keineswegs schlecht ist, nur eben nicht überragend).

Wer ebenfalls positiv aufgefallen ist, war Simon Bodenmann - aus den korrekten Gründen. Hauptsächlich in der Reihe mit Plüss und Moser, dort aber der Hauptakteur durch die Neutrale Zone. Unheimlich geschickt im Zusammenspiel mit Moser und Plüss, die meist etwas tiefer kommen und mehr im Spielaufbau aus dem eigenen Drittel heraus beteiligt sind und ihm dann in der NZ die Scheibe zuspielen.

FAZIT

Obwohl ich beim Tracken genau die Dinge eingebe, auf die ich geachtet habe, haben sich unterbewusst doch noch einige Fehler eingeschlichen. Meist eben durch Einflüsse, die mit der eigentlichen Beurteilung nicht so viel zu tun haben sollten.

  • Beat Gerber habe ich als kreativeren Spieler mit der Scheibe gesehen, weil er einerseits keine Fehler macht und andererseits defensiv gut ist.
  • Cory Conacher habe ich als besseren Spieler in Sachen Zone Entries gesehen, weil er sehr auffällig spielt und andere Dinge sehr sehr gut macht (Strafen ziehen, Tore schiessen)
  • Justin Krueger habe ich aus irgeneinem Grund komplett unterschätzt. Da sind bei mir offensichtlich nur die Fehler hängengeblieben.

Natürlich ist es möglich, dass ich lediglich ein Depp bin, der diverse Ereignisse auf dem Eis nicht so toll verarbeiten und in meinem Gedächtnis abspeichern kann. Aber ich gehe davon aus, dass einige dieser Trugschlüsse auch vielen anderen Hockeyfans und sogar Hockeyexperten passieren können.