Hockey und Heuristiken

Eine Heuristik ist (nach Wikipedia) eine Methode, trotz begrenztem Wissen (unvollständigen Informationen) und wenig Zeit zu guten Lösungen zu kommen. Ein Beispiel ist das Ausschlussverfahren. Stellt man mir die Frage, ob John Entwistle oder Frank Turner ein Gründungsmitglied von The Who waren, bin ich mir sicher, dass es Frank Turner nicht  ist, also kann ich trotz unvollständigen Informationen die richtige Antwort finden. Geschieht so etwas schneller und im Unterbewusstsein bezeichnet man diese als Urteilsheuristiken. 

Beispiele dafür werden gleich genauer behandelt, aber zuerst einmal:  

Was hat der Quatsch mit Eishockey zu tun?

Eines der häufigsten Argumente, die gegen die Verwendung von Statistiken im Eishockey verwendet werden, ist, dass man "alles, was man wissen muss, beim Gucken des Spiels sieht". Das ist falsch. Selbst erfahrene Scouts können das nicht. Und die sind darin geschult, auf bestimmte Dinge zu achten.*

Einige der Gründe dafür möchte ich hier beleuchten. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und das Lesen von "Schnelles Denken, Langsames Denken" von Daniel Kahneman wird weder durch diesen Artikel noch durch diverse Wikipedia-Artikel adäquat ersetzt. 

Confirmation Bias

Unter Confirmation Bias versteht man die menschliche Tendenz, sich Informationen zu suchen, die die eigene Meinung unterstützen. Das beinhaltet nicht nur selektive Erfassung von Informationen, sondern auch selektives Erinnern und selektive Interpretation von Informationen. Im Bezug aufs Eishockey bedeutet das: 

  • Positive Aktionen von Spielern/Mannschaften, die man mag, werden eher aufgenommen, fallen einem eher ein und werden positiver bewertet als sie eigentlich sind, während das Gegenteil für negative Aktionen gilt. Das lässt sich am einfachsten beobachten, wenn Fans zweier Teams über eine gemeine Aktion/bösen Check eines Spielers streiten. Jedes Lager interpretiert die gleichen Informationen unterschiedlich und wird unterschiedliche Details zur Argumentation hervorrufen.
  • Confirmation Bias ist auch der Hauptgrund, warum sich die subjektive Meinung zu Spielern selten ändern. Wenn ich denke, dass Niki Goc keinen guten Pass spielen kann, sorgt mein Gehirn dafür, dass mir spontan nur unschöne Fehlpässe und keine guten Pässe einfallen. In einem Spiel, in dem er 5 mal aus dem eigenen Drittel aufbaut und nur einen Fehler macht, bleibt mir nur der Fehler in Erinnerung.

Verfügbarkeitsheuristik

Die Verfügbarkeitsheuristik ist das Hilfsmittel, mit dem wir unbekannte Wahrscheinlichkeiten beurteilen. Dabei wird das Gedächtnis nach Beispielen durchsucht und je leichter man diese finden kann, desto höher wird die Eintrittswahrscheinlichkeit geschätzt.
Ist die Frage zum Beispiel: Gibt es mehr Menschen, die mit einem Hund Gassi gehen oder gibt es mehr, die mit einem Hausschwein Gassi gehen? Hat man jetzt gerade keine Studie im Kopf, die untersucht hat, welches der beiden Haustiere häufiger vorkommt, muss man sich seine Lösung anders überlegen. Dabei durchsucht man das eigene Gedächtnis nach Erinnerungen der beiden Vorfälle. Man merkt dann recht schnell, dass man sehr leicht zahlreiche Beispiele für an der Leine geführte Hunde findet, aber nur sehr schwer (oder vielleicht sogar gar nicht) Beispiele für an der Leine geführte Schweine findet. Also interpretiert man das als klares Zeichen dafür, dass deutlich mehr Menschen mit Hunden Gassi gehen. Diese Logik macht bei solch einfachen Fragen natürlich Sinn, aber es sollte klar sein, dass es hier bei komplizierteren Fällen schnell zu Problemen kommen kann. 

Der grösste Einfluss, den diese Heuristik hat, ist die Tendenz, Dinge in ihrer Häufigkeit und damit auch Relevanz zu überschätzen, nur weil es einem leicht fällt, dafür Beispiele zu finden. Zum Beispiel erinnert man sich leichter an einen harten Check, bei dem das ganze Stadion gejubelt hat, als an einen eleganten Spielzug durch die Neutrale Zone. Oder eben der Fokus auf die grossen Fehler. Frei nach Tyler Dellow:

If someone asked me what I think the biggest failing of the eyeball test is, I'd respond that it's the emphasis on the big mistake. There are gigabytes of information contained in a hockey game. So much information that I think it's difficult for anyone to take it in and organize it rationally. The way that our brains deal with that is by focusing on the big mistake.

Soll heissen: Grosse Fehler, also offensichtliche Fehler, die zu Gegentoren/Grosschancen führen, bleiben einem sehr leicht im Gedächtnis. Kleine Fehler, die nicht offensichtlich zu einem Gegentor führen, werden leichter übersehen und vergessen. Das gleiche gilt für positive Aktionen. Wenn es nun darum geht, einen Spieler korrekt zu beurteilen, werden Spieler, die gelegentlich offensichtliche Fehler machen (denke an Offensivverteidiger, der die Scheibe in der NZ verspielt) und dank ihrer "kleinen" positiven Aktionen trotzdem einen positiven Einfluss auf das eigene Team haben, negativer eingeschätzt, weil die grossen Fehler einem wesentlich leichter einfallen und daher in ihrer Häufigkeit und Relevanz überbewertet werden. (In solchen Fällen setzt dann auch schnell Confirmation Bias ein und das ganze verschlimmert sich noch weiter)

Negativity Bias

Unter Negativity Bias beschreibt die Neigung, negative Ereignisse stärker zu gewichten und häufiger im Gedächtnis abzuspeichern als "gleichwertige" positive Ereignisse. Bei negativen Erlebnissen denkt man rationaler (und mehr) als bei positiven. Daher bietet die Sprache im negativen Bereich deutlich mehr Auswahl, um Emotionen/Erlebnisse genau zu beschreiben. Daher gibt es in Unicode mehr negative Emoji als positive.

Das ist der Grund dafür, dass die Aktivität in Foren und Sozialen Medien nach Niederlagen immer wesentlich grösser ist als nach Siegen. Niemand analysiert, warum das eigene Team gewonnen hat. (Wahrscheinlich auch der Grund, warum die Grundlage der #fancystats von vielen Oilersfans geschaffen wurde.)

In Kombination mit der Verfügbarkeitsheuristik äusserst gefährlich, da wie bereits erwähnt, Ereignisse, an die man sich leichter erinnern kann, als häufiger vorkommend interpretiert werden.

Outcome bias

Unter dem Outcome Bias versteht man die Neigung dazu, die Qualität getroffener Entscheidungen nach deren Resultat zu beurteilen. Dies ignoriert die Tatsache, dass die Informationslage zum Zeitpunkt der Entscheidung anders ausgesehen haben könnte. Das ist im Eishockey eine wichtige Erkenntnis, denn jedes einzelne Spiel ist sehr stark mit Zufallseinflüssen behaftet, sodass es nicht sinnvoll ist, die Leistung einer Mannschaft ausschliesslich anhand des Resultats zu beurteilen. Rein logisch gesehen macht das natürlich Sinn, nur muss man hier bedenken, dass das auch für grössere Stichproben (30 Spiele) gilt. Man denkt sich die gezeigten Leistungen aufgrund positiver/negativer Resultate schöner/schlechter als sie eigentlich sind. Und wie immer, wenn man sich erst einmal eine Meinung gebildet hat, setzt der Confirmation Bias ein und diese Meinung wird unabhängig von ihrer Validität weiter verstärkt.

Attributionsfehler

Bezeichnet die Tendenz dazu, Aktionen anderer stärker als Resultat persönlicher Eigenschaften/Fähigkeiten zu sehen und Umwelteinflüsse zu ignorieren. Also: "Der Kellner war unfreundlich zu mir, der ist wohl eine unfreundliche Person" und nicht "Der Kellner war unfreundlich zu mir. Sein Chef hat ihm gerade gesagt, dass er keine Pause kriegt und deswegen seine Freunde nicht zum Essen treffen kann und ist deswegen nicht in der besten Stimmung". 
Bezogen aufs Eishockey bedeutet das, dass man zum Beispiel einen Fehlpass automatisch dem Passgeber ankreidet, statt zu bedenken, ob der Fehlpass vielleicht nicht durch die mangelhafte Technik des Passgebers zustande kam, sondern durch die Spielsituation verschuldet ist (Passempfänger weicht von eingespieltem Laufweg ab, etc.).

(bei eigenen Aktionen existiert diese mangelhafte situative Aufmerksamkeit übrigens nicht. Wenn ich jemandem aus Versehen ein Bein stelle, weiss ich genau, dass das daran lag, dass ich den Herrn nicht gesehen habe und meine Beine einfach kurz ausgeschüttelt habe. Der Herr hingegen denkt sich wahrscheinlich "Was ein unhöflicher Depp")

Fazit

Worauf will ich damit hinaus? Statistiken leiden unter diesen Problemen nicht. Extern gespeicherte Daten werden nicht durch mein Unterbewusstsein verzerrt. Wenn ich in einem Spiel Zone Entries tracke, kenne ich nach drei Wochen kaum noch Details und die Dinge, an die ich mich glaube zu erinnern, sind vielleicht sogar falsch oder kaum relevant. Die Tabelle, die ich damals erstellt habe, spiegelt die Fakten aber unverändert wider. Der einzige, der diese Daten jetzt noch verzerren kann, bin ich, wenn ich sie zusammenfasse oder mir die Rosinen rauspicke. Ich leide unter diesen Dingen genauso wie jeder andere Mensch auch. Wenn ich Zone Entries und Exits tracke und mir während dem Spiel Gedanken drüber mache ("Marcus Kink macht n klasse Spiel"/"Mieser Abend für Andreas Falk"), merke ich beim Auswerten der Daten dauernd, dass viele dieser Gedanken falsch sind, bzw. von den Daten nicht unterstützt werden. Ich habe auch Spieler, die ich lieber sehe/von denen ich viel halte. Während Adlerspielen habe ich schon oft über Niki Goc geflucht, nur um im Nachhinein beim Betrachten der Tabellen festzustellen, dass der in dem Spiel gar nicht so viele Fehler gemacht bzw. diese an anderen Stellen wieder wettgemacht hat. Obwohl ich explizit auf diese Dinge achte.

Wie immer geht es mir hier nicht um den Gelegenheitsfan, der einfach nur Spass haben will (aber der liest hier eh nicht, also was soll's). Wenn man aber qualifiziert über Eishockey reden will, empfiehlt es sich, diese unterbewussten Heuristiken und Tendenzen im Hinterkopf zu behalten. Ganz abstellen kann man sie nicht, aber mit ein wenig mehr Bescheidenheit beim Verfassen der Bewertungen wäre ein erster Schritt schon mal getan. 

Sollte man sich ausschliesslich auf Statistiken verlassen? Natürlich nicht. (Hat auch nie jemand behauptet)
Aber sehe ich beim Zugucken alles, was ich wissen muss? Natürlich nicht.

 

Mehr und bessere Lektüre: 

Die Analyse im Fussball: Einführung und How-To von Rene Maric auf spielverlagerung.de 
The Limits of Observation von Kent Wilson

 

* siehe auch: Dunning-Kruger Effekt: