Scouts im Europäischen Eishockey

Durchforstet man die eliteprospects.com-Seiten europäischer Profi-Clubs (oder auch deren jeweilige Webpräsenz) fällt einem schnell auf wie wenig Leute im Hockey Operations-Bereich arbeiten, also wie viele Leute wirklich mit Eishockey beschäftigt sind. Vor allem im Vergleich mit der NHL. Das ist natürlich zu erwarten. NHL-Clubs haben mit wesentlich grösseren Summen zu tun, von daher ist mehr Personal auch gerechtfertigt. Andererseits ist es doch ein wenig überraschend, dass Organisationen, deren Ausgaben für Spielerpersonal deutlich im Millionenbereich liegen ihre Aufgaben auf so wenige Schultern verteilen. Vor allem irritiert mich, wie wenige Clubs Scouts offiziell angestellt haben. (Bemerkung nebenbei: Für alle Clubs, die welche anstellen, sie nur nicht auf ihrer Clubseite führen, gilt das natürlich nicht)

Glaubt man EP und den jeweiligen Clubseiten, hatte letzte Saison gerade einmal ein DEL-Team einen Scout angestellt - Red Bull München. In der NLA sind es 3, in der finnischen Liiga 3 und in der SHL 4. 

Natürlich haben NHL-Clubs mit dem Draft eine riesige Verantwortung, die gute Talentbeurteilung belohnt und die Zukunft eines Clubs direkt damit verbindet. Das und die grösseren Summen, die sich auf den Gehaltsschecks der Spieler wiederfinden sind die hauptsächliche Motivation dafür, dass selbst die "armen" NHL-Teams* (Ottawa, Florida, Phoenix,  Nashville, Winnipeg) mindestens 11 oder 12 Scouts anstellen.

Doch auch wenn man nur 5 statt 65 Millionen € für seine Spieler ausgibt, lohnt es sich meiner Meinung nach, in Scouting zu investieren. Natürlich bin ich genauso dafür, dass Teams Geld in statistische Analyse investieren, aber den Widerstand dagegen kann ich immerhin noch verstehen. Schliesslich ist das neu und noch nicht so beliebt und man will ja nicht von den coolen Managern - mit ihren Zigaretten und Lederjacken - ausgelacht werden. Aber darum soll es heute nicht gehen. Hierzulande übernehmen Manager die Verantwortungscheinbar (mit Hilfe ihrer Trainer) selbst, aber das beinhaltet meiner Meinung nach einige Schwierigkeiten. 

  1. Als Manager hat man noch andere Aufgaben und kann sich daher nicht die ganze Saison mit einem Spieler auseinandersetzen oder einfach mal auf Spielersuche gehen.
  2. Durch diese mangelnde Zeit sieht man die Spieler wesentlich seltener, als es eigentlich notwendig ist. Ich kann nur von Seiten der Statistik argumentieren, aber man braucht mindestens 12-15 Spiele bis selbst die sehr schnell aussagekräftig werdenden Zone Management Statistiken stabil werden. Wenn man einen Spieler 2-3 Mal sieht, ist das Urteil, das man über diesen Spieler fällt, bestenfalls suboptimal.
  3. Die Notwendigkeit, einen Spieler wirklich live - sprich, in der Arena sitzend - zu sehen, ist meiner Meinung nach total überzogen. Vergleicht man die Kosten (sowohl in Stunden als auch €) für einen Nordamerika-Trip, auf dem man den Spieler vielleicht 2-3 Mal sehen kann, mit dem Mass an Videoanalyse, die man für den gleichen Preis betreiben kann, sollte das klar werden. Natürlich ist Videoanalyse nur bedingt effektiver, schliesslich hat man den Spieler (je nach Feed) nicht immer im Blick. Doch dieser Mangel sollte sich problemlos durch die zusätzlichen Videosessions ausgleichen lassen, die man einbauen kann, während der Live-Gucker im Flieger/Auto sitzt. Also: Ich gucke lieber 5 Spiele aufm PC statt 1 live.
  4. Eine Gegenstimme zu haben, bevor man derartige Entscheidungen trifft, ist immer hilfreich. Seine Meinung über einen Spieler gegenüber anderen informierten Leuten verteidigen zu müssen, zwingt einen dazu, die eigenen Ansichten zu überdenken und hinterfragen.

Der wahre Wert von Scouting

Verbessert man die Informationen, die man von einem Spieler hat, bedeutet das aber nicht unbedingt, dass man die besten Spieler bekommt. Im Gegenteil, Scouting (und statistische Analyse) zeichnet sich häufig weniger dadurch aus, dass man gute Entscheidungen findet, sondern eher dadurch, dass man schlechte Entscheidungen verhindert.

Ein Beispiel**: 5 Leute spielen ein Spiel, bei dem ein zufälliger Schein aus einem Umschlag gezogen wird. Vor jeder Ziehung dürfen die Spieler bieten, der Spieler mit dem höchsten Gebot bekommt den Schein. Im Umschlag befinden sich jeweils ein 5-, 10-, 20-, 50 und 100-Euro-Schein. Ohne zusätzliche Information bieten alle Mitspieler korrekterweise  maximal 37€ (der durchschnittliche Wert des Preises).
Fall #1: Der Ziehautomat war etwas ruckelig und ich habe gesehen, dass es sich um den 100€-Schein handelt. Also biete ich weiter und weiter, allerdings hat jemand anderes den Schein ebenfalls erspäht und wir bieten uns gegenseitig hoch bis auf 99.99€. Ich gewinne zwar den Schein, habe aber durch meine tolle zusätzliche Information nur 0.01€ Gewinn gemacht, weil ich nicht der einzige bin, der mit der zusätzlichen Information gearbeitet hat.
Fall #2: Nun ist der Schein, den wir beide erspähen der 5-Euroschein. Wir beide hören ab 5 € auf mitzubieten und die unwissenden anderen Mitbieter bieten wieder bis zum Maximalpreis von 37€. In diesem Beispiel habe ich satte 32€ gespart. Und solange nicht alle Spieler die Information haben, haben die Mitspieler, die die zusätzliche Information, dass es sich um einen 5€-Schein handelt, Gewinn gemacht. Im Wettkampf mit anderen ist es häufiger, dass der dümmste verliert, als dass der schlauste gewinnt. Oder, wie es Phil Birnbaum sagt: 

You gain more by not being stupid, than you do by being smart. Smart gets neutralized by other smart people. Stupid does not.
...
It works that way in your personal life, too. You can spend a lot of time and money picking out the perfect floral bouquet for your date ... but you’re probably better off checking if you have bad breath and taking the porn out of the glove compartment.

Gemessen daran, wie viele Ausländer jede Saison in ganz Europa als Fehleinkäufe und Flops betitelt werden, kann ich mir gut vorstellen, dass diese Logik relativ einwandfrei aufs Eishockey zu übertragen ist. Bessere Informationen helfen Clubs dabei, schlechte Entscheidungen zu vermeiden. Und selbst wenn ein Scout/ein Analyst nur alle 4 Jahre eine schlechte Entscheidung, die den Club 200'000€ kosten würde, verhindert, ist er das Geld schon wert.

 

*: also Teams, deren Gehaltsausgaben wie die der europäischen Clubs durch ihre wirtschaftliche Situation bestimmt werden und nicht durch den Salary Cap. Die Toronto Maple Leafs könnten zum Beispiel sicher problemlos 100 Millionen Dollar für ihre Spieler ausgeben, daran hindert sie nur der Salary Cap)
**: Geklaut aus einem Artikel des immer lesenswerten Phil Birnbaum: LINK