Was nach Bullys im Offensivdrittel passiert

Ein guter Freund hat mir mal erzählt, dass ein guter Artikel mit einer persönlichen Anekdote beginnen sollte. Einer der Haupteinwände, der häufig in Diskussionen über die Relevanz von Statistiken im Eishockey erhoben wird*, ist, dass Eishockey ein Spiel mit sehr viel Spielfluss ist. Bei einer Unterteilung in diskrete Ereignisse geht immer etwas verloren, etc. Daher hatte ich ja hier und hier schon begonnen, zu erkunden, wie man Zone Exits und Entries nicht nur als unabhängige Ereignisse betrachten kann, sondern eben durch Einbeziehen der folgenden Ereignisse dem Ganzen den notwendigen Kontext verleihen kann.
Es ist schön und gut, zu behaupten, dass es besser ist, das eigene Drittel mit Scheibenbesitz zu verlassen. Aber ohne ernsthaften Beweis ist das nur eine (sehr vernünftig und einleuchtend klingende) These. Kontrolliert man nun, wie häufig die eigene Mannschaft ins gegnerische Drittel kommt, wenn es das eigene Drittel mit Scheibenbesitz verlässt und wie häufig sie das schafft, wenn sie die Scheibe einfach über die Bande rausschiesst, zeigt sich, dass die Annahme sehr vernünftig ist. 

Das lässt sich nun problemlos auf andere Facetten des Zone Managements übertragen, um detailliertere Aussagen über einzelne Aspekte der Leistung einer Mannschaft machen zu können. Und das ist ja das Ziel der ganzen Angelegenheit. Mit einem einfachen Schussverhältnis kann man keinem Trainer helfen. Der sagt dann "ok, es läuft nicht, aber warum?".
Genau so kann ich ihm sagen, dass unser Team nach Bullys im Offensivdrittel zu wenig Schüsse generiert. Damit haben wir ihm das Leben schon erleichtert, aber so ganz klar ist das immer noch nicht. Ist das ein Problem im Offensivspiel oder ist das Forechecking zu schwach? Also gehen wir noch weiter ins Detail.

Ereignishorizont

Was kann denn alles nach einem Bully im Offensivdrittel passieren? Naja, im Zone Management betrachten wir das nächste Mal, wenn es ein Bully gibt, jemand den Puck im Defensivdrittel verschlampt oder der Puck eine blaue Linie überquert. Also haben wir folgende Möglichkeiten:

  • Zone Exit: Jemand bringt die Scheibe aus dem Offensivdrittel
    • mit Scheibenbesitz
    • ohne Scheibenbesitz
  • Turnover: Das Defensivteam hat die Scheibe sicher, verspielt sie aber noch im eigenen Drittel
  • Icing
  • Noch ein Bully: Ein Schiedsrichter unterbricht das Spiel, weil
    • der Puck das Spielfeld verlässt
    • der Schiedsrichter den Puck nicht mehr sieht
    • der Torhüter die Scheibe festhält
  • Irgendwas anderes, sodass keiner der oben beschriebenen Fälle eintritt:
    • Ein Tor
    • Eine oder mehrere Strafzeiten
    • etc.

Also schauen wir doch einmal, was zum Beispiel nach den Offensivbullys der Adler und Haie letzte Saison (in den von mir getrackten Spielen) passiert ist:

TeamBullysExit mit PuckkontrolleExit ohne Puckkontrolleerneutes OZ-BullyTurnoverIcingAnderes
Adler Mannheim2921071052910734
Kölner Haie1316137154311

Um das ganze etwas klarer zu machen, sortieren wir die Daten nun nach gewonnenen und verlorenen Bullys und verpacken das ganze etwas schöner:

Es werden schnell zwei Dinge klar: 

  • Bullys gewinnen reduzieren nicht nur die Wahrscheinlichkeit, weniger Schüsse aufs eigene Tor zu bekommen, sondern erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit, als Team im eigenen Drittel einen schnellen und sauberen Aufbau zu spielen (dafür gibt es schliesslich vorbereitete Spielzüge bei Bullys)
  • Die Haie waren wesentlich schlechter darin, den Gegner beim kontrollierten Spielaufbau zu stören, als die Adler.

Ausserdem erkennt man, dass Dinge wie Turnover, Icings oder forcierte weitere Bullys bei beiden Teams in etwa gleich häufig eintreten. Das gilt übrigens auch für die generierten Schussversuche. Nach gewonnenen Bullys haben die Haie im Schnitt 0.85 Schussversuche abgegeben, bis die Scheibe das Drittel verliess oder das Spiel unterbrochen wurde. Die Adler 0.84. Bei verlorenen Bullys waren es 0.09 Schussversuche pro Bully für Köln und 0.08 für Mannheim. Kein nennenswerter Unterschied.

Der einzig bemerkbare Unterschied ist, wie bereits erwähnt, die Effizienz, mit der das Forechecking den Spielaufbau des Gegners unterbindet (ob das allgemein gültig ist, weiss ich nicht, es scheint mir aber eher unrealistisch, dass andere DEL-Teams hier nicht auch bei den Schussversuchen deutlich besser/schlechter sein können). Und wenn man nun weiss, dass Zone Exits mit Scheibenkontrolle zu 95% auch in einem eigenen Angriff resultieren und Exits ohne Scheibenkontrolle nur zu ca. 16-20%, dann sieht man, dass der Vorsprung der Adler hier grosse Auswirkungen hat.
Niklas Sundblads Aussagen in einem lesenswerten Haimspiel.de-Interview dazu sind so gesehen sehr passend:

"Mir sind die schlittschuhläuferischen Fähigkeiten extrem wichtig. Das heißt nicht zwangsläufig, dass wir nur nach kleinen, wendigen Spielern schauen, aber es müssen in erster Linie sehr gute Schlittschuhläufer sein, damit wir unser System besser spielen können. Wir wollen hart vorchecken. In dieser Saison waren wir dafür ein bisschen zu langsam. Wir sind nicht in unseren Forecheck reingekommen. Wenn man nicht in den Forecheck reinkommt, dann ist es schwer, unser Spiel zu spielen."

Einzelne Spieler

Jetzt wissen wir, dass die Haie als Team in diesen Situationen deutlich schlechter im Forechecking waren als die Adler. Es kann aber nicht schaden, das auch auf dem individuellen Niveau zu betrachten, vielleicht gab es ja eine oder zwei Reihen, die Sundblads Forecheck spielen konnten. Um die Ansicht aber etwas zu erleichtern, rechne ich das ganze mal auf eine Zahl runter. Nämlich auf den Prozentsatz an OZ-Bullys, die mit einem kontrollierten Zone Exit der Gegner endeten. Da es hier nicht um die Stärke am Bullypunkt gehen soll, ist diese "rausgerechnet" (die angegebenen Zahlen sind auf eine 50%-Bullyquote gerechnet**).

Weiter unten: Geringerer Anteil zugelassener Zone Exits mit Scheibenkontrolle, Weiter rechts: Mehr Schüsse pro Bully

  • Kurioserweise der offensive Metropolit und seine Reihenkameraden (Plachta, Tardif, Yip am häufigsten) nach OZ Faceoffs mit dem effektivsten Forechecking
  • Die ganzen Besprechungen vor den Bullys, die man bei den Adlern beobachten konnte (hat ServusTV ja auch häufig drauf aufmerksam gemacht) scheinen was zu bringen.
  • Auffällig, dass nur Kölns Topreihe um Johnson auf das Mannheimer Niveau kommt. 
  • Hecht hat im Gegensatz zu den anderen vier nur im Finale und ein zwei CHL-Spielen Center gespielt, könnte eine Erklärung für die etwas schlechteren Zahlen sein
  • Vielleicht hat Sundblad ja Recht und ihm hat wirklich einfach das Personal gefehlt, um ein besseres Forechecking spielen lassen zu können. Ohne genügend entsprechende Daten von den Haien unter Krupp zu haben, ist es schwer zu sagen, ob das nur am Personal lag.
  • Wenn ich Niklas Sundblad wäre, würde ich mir trotzdem über den Sommer mal angucken, was Geoff Ward seinen Mannen taktisch vorgegeben hat. Schaden kann's nicht.
  • So etwas ist der erste Schritt in einem meiner Meinung nach sinnvollen Analyseprozess, den ich in den beiden Artikeln hier und hier angesprochen habe. Gucken, was die Daten sagen und mit dem Wissen ans Video ranmachen und gucken, ob man sich nicht was fürs eigene Gameplanning abgucken kann.

Idealerweise ist das auch hier nur ein erster Schritt. Da die Videoanalyse aber sehr zeitaufwändig ist, will ich diesbezüglich noch nichts versprechen. Erst einmal wichtig, den Rost, der sich hier am Blog angesammelt hat, zu entfernen.

 

*Get it? Der Tipp war die persönliche Anekdote! Egal, Humor ist eh subjektiv...
** Also z.B. bei den Schüssen pro OZ-Bully: 0.5*Schüsse pro gewonnenem OZ-Bully + 0.5*Schüsse pro verlorenem OZ-Bully