Trainerentlassungen

Wenn eine Mannschaft besonders schlecht oder deutlich unter ihren Möglichkeiten spielt, ist der Trainer meist der Erste, der seinen Job verliert. Ob der Trainer nun wirklich die Schuld am Misserfolg trägt, ist dann häufig zweitrangig. Von den Hauptkomponenten eines Sportclubs (Management, Trainerstab, Mannschaft) ist er am leichtesten auszutauschen. Man kann wohl auch davon ausgehen, dass einige Clubs sehr genau wissen, was sie an ihrem Trainer haben, ihn aber dennoch entlassen, um der wütenden Meute von Medien, Fans und Präsidium das Gefühl zu geben, dass hart daran gearbeitet wird, die Missstände auszumerzen. 

Ein Cheftrainer im Eishockey hat viele Funktionen, die wichtigste wohl, dass er seiner Mannschaft eine Art zu spielen (System) vorgibt. Das geschieht meist in der Vorbereitung vor der Saison, wenn im Training Spielaufbau, Forechecking, Defensivverhalten, Powerplay, Unterzahlspiel, etc. einstudiert werden. Trainer, die während der laufenden Saison ein Team übernehmen haben deutlich weniger Möglichkeiten, der Mannschaft eine neue Identität zu geben. Dennoch befinden Sportdirektoren jede Saison, dass ein Wechsel hinter der Bande so dringend notwendig ist, dass er sofort durchgeführt werden muss. Nun stellt sich die Frage: Bringt das dann überhaupt noch etwas? Kann ein Trainer mitten in der Saison eine Mannschaft umkrempeln?

Dazu habe ich alle Trainerwechsel in der DEL seit 2000, die während der laufenden Saison vonstattengingen, herausgesucht (53 Stück) und die Punkteausbeute der Mannschaft vor und nach dem Wechsel verglichen.
Die erste offensichtliche Feststellung: Das Neubesetzen des Trainerpostens unter der Saison ist generell positiv. Die 53 Mannschaften vor dem Wechsel holten 43.3% der möglichen Punkte. Das entspricht auf 52 Spiele gerechnet ca. 68 Punkten, was einem DEL-Team in der vergangenen Saison den 12. Platz beschert hätte.
Diese gleichen 53 Mannschaften schafften es dann mit ihren neuen Trainern 48,2% der möglichen Punkte zu holen, was eine Verbesserung von 4.9% - oder auf 52 Spiele gerechnet eine Differenz von 7.5 Punkten - bedeutet.

Das ist zwar schön und generalisiert, aber wie sieht es im Einzelnen aus?

In 36 von 53 Fällen hat sich die Punkteausbeute der Mannschaften verbessert. Die beste Verbesserung erzielte 2003 der Schwede Olle Öst in Ingolstadt für den zurückgetretenen Jim Boni. Öst holte in den verbleibenden 16 Spielen 33 Punkte (68,8%) und schnitt damit deutlich besser ab als sein Vorgänger, unter dem die Ingolstädter in 36 Spielen nur 32 Punkte holten.

Aber Resultate spiegeln ja nicht immer den Verlauf des Spiels wider. Unter anderem deswegen ist es interessant, das ganze etwas genauer zu betrachten. Dazu nehmen wir die Entlassungen ab der Saison 2007/08 (immerhin noch 30), denn zu diesen habe ich detailliertere Daten zu Schüssen und Toren. (ausgelassen wurden die Entlassungen von Harold Kreis in Düsseldorf 2009/10, die 2 Spieltage vor Schluss kam und die von Dave King in Mannheim 2008/09, die einen Spieltag vor Saisonende kam)

Wie hier bereits erwähnt, hat sich die PDO-Regression seit der Saison 2010-11 stark verstärkt*. Zur Erinnerung: PDO ist die Summe aus Schussquote und Fangquote und gilt grob als ein Mass für Scheibenglück (oder, wenn einem Glück oder Pech nicht gefallen "nicht haltbar gute oder schlechte Form"). Seit 2010-11 gibt es nur einen entlassenen Trainer, der zum Zeitpunkt seiner Entlassung einen PDO-Wert >100% hatte. Seit 2010-11 hatten die Teams der entlassenen Trainer einen durchschnittlichen PDO-Wert von 98.4%. Ihre Nachfolger? 99.6%. Im Gegensatz zu dieser deutlichen Verbesserung steht das Schussverhältnis, bei dem sich die Mannschaften nach dem Trainerwechsel von 50.1% auf 50.6% verbessert haben. 
Man erkennt, dass zu Trainerentlassungen also auch immer ein wenig Pech dazu gehört, auch wenn der nachfolgende Trainer die Mannschaft auch im Mittel im Schussverhältnis verbessert. Genauso lässt sich aber auch annehmen, dass manche Nachfolger für die entlassenen Trainer Pech hatten. Um die wirkliche Qualität einer Mannschaft besser zu quantifizieren muss man also für die zufallsbedingten PDO-Abweichungen "korrigieren".

Wer sich dafür interessiert, wie ich das genau gemacht habe, sollte den nächsten Abschnitt lesen. Wer mir einfach blind glaubt, dass ich weiss, was ich mache, kann auch einfach ab dem nächsten Abschnitt weiterlesen


Korrigiert habe ich den PDO-Wert folgendermassen: Je nach der Anzahl der gespielten Spiele werden die Schuss- und Fangquote unterschiedlich stark zum Mittelwert zurückgezogen. Wenn ein Team nach 5 Spielen eine grauenhafte Schussquote hat, ist dies schliesslich wesentlich wahrscheinlicher ein Zufallsprodukt ist, als wenn sie diesen Wert nach 30 Spielen immer noch hat. Mit der korrigierten Schussquoten und den Schüssen pro Spiel bekommt man dann einen korrigierten (oder, da es sich hier um Regression handelt, einen regredierten) Wert für die Tore pro Spiel. Mit der regredierten Fangquote und den zugelassenen Schüssen pro Spiel bekommt man einen regredierten Wert für die Gegentore pro Spiel. Mit diesen beiden Werten lässt sich eine regredierte Tordifferenz pro Spiel (rGD) berechnen. 


Mit dieser Idee im Hinterkopf habe ich rGD für den entlassenen Trainer und seinen Nachfolger berechnet, also Tordifferenzen pro Spiel mit PDO-Normalisierung. Daraus wird dann mit etwas Kreativität folgendes Schaubild: 

  • Bester Trainerwechsel seit 2007/08: Uwe Krupp für Jeff Tomlinson in Berlin 2014/15
  • Schlechtester Trainerwechsel: Hans Zach für Harold Kreis in Mannheim 2013/14
  • Im Schnitt sind Trainerwechsel also durchaus effektiv. Auf 52 Saisonspiele gerechnet sind die Trainerwechsel im Mittel 5.0 Punkte wert.
  • Wirklich gebracht haben Trainerwechsel im Mittel aber 12.0 Punkte. Wie gesagt, Scheibenpech hat einen Einfluss. 
  • Dieser Unterschied bestätigt sich auch, wenn man für beide Trainer vergleicht, wie viele Punkte sie ihr Scheibenpech gekostet hat. Die entlassenen Trainer haben im Schnitt 7.5 Punkte durch ihren schlechten PDO-Wert verloren. Die neu angestellten Trainer haben im Schnitt nur noch 0.6 Punkte durch ihr Scheibenpech verloren.
  • Larry Mitchell scheint ein guter Trainer zu sein. Zumindest einmal haben wir zwei kleine Indizien dafür: Augsburg war nach seiner Entlassung etwas schlechter und Straubing war mit Mitchell deutlich besser.
  • Diese Tordifferenzen lassen sich auch in Punkte (auf 52 Spiele gerechnet) umrechnen: 

7 der 26 Entlassungen stellten, unter Berücksichtigung von Scheibenglück, eine Verbesserung von mehr als 10 Punkten dar. 2 der 26 Entlassungen eine Verschlechterung um mehr als 10 Punkte.

Wie in den meisten Fällen ist es auch mit den Trainerwechseln nicht sonderlich schwarz und weiss. In 12 der 26 untersuchten Fälle war die Punktdifferenz, wenn man auf eine ganze Saison rechnet kleiner als 5 Punkte. Und nur in 7 Fällen war der Nachfolger deutlich besser. Da ist es durchaus korrekt, zu hinterfragen, ob so schnelles Handeln seitens des Managements immer notwendig ist. Vor allem, wenn man bedenkt, dass so ein Trainerwechsel ja auch immer Geld kostet. Natürlich gibt es Fälle, in denen das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer nicht mehr perfekt ist. Tiger Woods hat allerdings schon angemerkt, dass "Gewinnen alles heilt". Und einige der Trainer hatten nunmal mehr mit Pech als mit wirklich schlechten Leistungen zu kämpfen. Bei diesen Trainerentlassungen hätte etwas mehr Geduld dem Club vielleicht einiges an Geld gespart.

 

 

*: mit anderen Worten: die echten Unterschiede zwischen DEL-Teams in Sachen Schussqualität sind kleiner geworden, also ist ein grösserer Anteil der beobachteten Differenz auf Zufall zurückzuführen