Defensive Konsequenzen offensiver Entscheidungen

Gestern ging es darum zu überprüfen, wie sich das Verlassen des eigenen Defensivdrittels auf den darauffolgenden Angriff auswirkt. Auf dieselbe Art und Weise möchte ich heute auf die unterschiedlichen Auswirkungen der Zone Entries eingehen. Zone Entries beschreiben, wie eine Mannschaft den Puck ins gegnerische Drittel befördert.

Während dem Tracken der Zone Entries der Kölner Haie in der letzten Saison hatte ich festgestellt, dass Versuche, das gegnerische Drittel mit Scheibenbesitz zu betreten (auch Carry-ins), deutlich mehr Schüsse generieren (0.73 Schüsse pro Angriff) als Angriffe, bei denen die Scheibe tief gespielt wird (0.21 Schüsse pro Angriff). Im Eishockey geht es ja aber nicht nur darum, viele Schüsse aufs Tor zu bringen (und damit langfristig auch viele Tore zu erzielen), sondern es geht darum, mehr als der Gegner zu haben.

Dump-ins existieren heutzutage ja nicht, weil die Trainer glauben, dass sie eine bessere offensive Strategie darstellen (zumindest mal die meisten). Dump-ins existieren, um es dem Gegner schwerer zu machen, Schüsse aufs eigene Tor zu bringen. Man tauscht quasi den Puckbesitz gegen einen territorialen Vorteil ein. Dump-ins sind der sichere Spielzug. Denn so schick der Vorteil durch ein Betreten der gegnerischen Zone im Besitz der Scheibe auch ist, der Versuch kann auch daneben gehen und dann ist etwas vulgäres am Dampfen.

Doch stimmt das wirklich? Wenn die Theorie stimmt, müssten folgende Dinge erfüllt sein:

  • Der Angriff, der auf den Dump-in folgt, sollte im Schnitt weniger effektiv sein, als derjenige, der auf einen versuchten kontrollierten Zonenbetritt folgt.
  • Der Vorteil, der durch diese geringere Effektivität des gegnerischen Angriffs entsteht, sollte die bessere Schussausbeute aus versuchten kontrollierten Zonenbetritten wettmachen.

Um das mal ansatzweise zu überprüfen, habe ich, wie gestern auch, die Daten des CHL-Spiels der Kölner Haie gegen Kärpät Oulu ausgewertet.

Kontrollieren wir als erstes einmal, was das erste Ereignis nach dem Dump-in bzw. dem Carry-in-Versuch ist. Unterteil wurden diese Ergebnisse in folgende Möglichkeiten ("Nichts" bedeutet hier meist eine Abseitstellung oder ein Puck, der von der angreifenden Mannschaft aus dem Spielfeld gelangt und somit ein Bully in der NZ verursacht)

Mit diesen Definitionen ergeben sich folgende Werte:

TeamAngriffeExitBullygegn. EntryNichts
Köln vers. Carry-ins38201116
Köln Dump-ins2620402
Kärpät vers. Carry-ins3316737
Kärpät Dump-ins2322100

Also aus den 38 versuchten Carry-ins wurden 20 Exits von Kärpät, 11 Bullys in der OZ, 1 direkter Gegenangriff des Gegners und 6 Mal nichts. Sinnvoll erscheint, dass auf Dump-ins häufiger ein Exit des Gegners folgt, schliesslich ist der Gegner hier meist in guter Position die Scheibe unter Kontrolle zu bekommen. Ganz an unsere Fragestellung kommt diese Aufstellung noch nicht.

Der Angriff nach dem Angriff

Daher "spulen" wir jetzt einfach mal bis zur nächsten Entry vor. Also werten das nächste Mal im Spielverlauf aus, wenn ein Team die gegnerische Zone betritt. Bullys werden damit zu eigenen Entries, und die Exits werden entweder zu eigenen Entries (also einem erneuten Puckbesitzwechsel), zu gegnerischen Entries (der Spielaufbau des Gegners funktioniert) oder zu Nichts:

Dann sieht die Auswertung folgendermassen aus:

TeamEntryeigene Entrygegn. EntryNichts
Köln vers. Carry-ins385 (+ 11 Bullys)166
Köln Dump-ins267 (+4 Bullys) 123
Kärpät vers. Carry-ins336 (+7 Bullys)137
Kärpät Dump-ins236 (+1 Bully)151

Demnach folgten auf die 38 versuchten Carry-ins der Kölner 5 eigene Angriffe, 11 Bullys im Offensivdrittel und 16 gegnerische Angriffe. Man sieht, die Kölner hatten aus dem Spiel heraus einen geringeren Anteil "nächsten" Angriffe nach versuchten Carry-ins als nach versuchten Dump-ins. Bei Kärpät war es umgekehrt.
Meine aktuelle Vermutung ist, dass sich die beiden Wege hier kaum unterscheiden, was das angeht. Sprich, dass sowohl versuchte Carry-ins und Dump-ins in etwa ähnliche Effekte auf den jeweils nächsten Angriff aus dem Spiel heraus haben.

Zu berücksichtigen ist hierbei natürlich aber auch, dass versuchte Carry-ins deutlich häufiger zu Bullys im gegnerischen Drittel führen und diese haben schliesslich auch ihren Wert. Von daher ist es an dieser Stelle sicher sinnvoll, wie gestern schon gesehen, wieder mal eine Rechnung in Schussversuchen zu machen:

TeamAngriffeSchussv. 1. AngriffSchussv. nächster eigener AngriffSchussv. nächster gegn. AngriffSchussversuch Diff.Differenz / Angriff
Köln vers. Carry-ins381948+15+0.39
Köln Dump-ins266610+2+0.08
Kärpät vers. Carry-ins332072+25+0.76
Kärpät Dump-ins23815+4+0.17

Also am Beispiel für versuchte Entries mit Scheibenkontrolle der Kölner:

  • aus den 38 versuchten Entries entstanden 19 Schussversuche
  • aus den 16 eigenen Angriffen der "zweiten Welle" (Bullys mitgerechnet) entstanden 4 Schussversuche
  • aus den 16 Angriffen des Gegners ("Gegenangriff") entstanden 8 Schussversuche.
  • Macht insgesamt eine Differenz von 19 + 4 - 8 = +15 Schussversuche, oder 0.39 Schussversuche pro Entry

Rechnet man also den ersten Angriff mit ein, scheint es definitiv eine schlechtere Strategie zu sein, die Scheibe tief zu spielen, als zu versuchen, das gegnerische Drittel mit Scheibenbesitz zu betreten.

Auch scheinen die gegnerischen Angriffe, die auf Dump-ins folgen nicht unbedingt weniger effektiv zu sein, als solche, die auf versuchte Carry-ins folgen:

  • Aus 12 Angriffen von Kärpät nach Kölner Dump-ins entstanden 10 Schussversuche (0.82 Schussversuche/Angr.)
  • Aus 16 Angriffen von Kärpät nach Kölner nach Kölner Carry-ins entstanden 8 Schussversuche (0.5)
  • Aus 13 Angriffen der Haie nach Kärpäts Dump-ins entstanden 2 Schussversuche (0.15)
  • Aus 15 Angriffen der Haie nach Kärpäts Carry-ins entstanden 5 Schussversuche (0.33)

 

Fazit

  • Wenn man Bullys ignoriert, scheint es so (mehr möchte ich ohne eine grössere Stichprobe nicht sagen), als ob sich Carry-ins und Dump-ins in ihren Auswirkungen auf den nächsten Angriff kaum unterscheiden. Das würde bedeuten, dass Dump-ins vielleicht nicht ganz so sichere Spielzüge sind, wie man manchmal vermutet.
  • Vor allem, da sich der nächste Angriff nach einer tief gespielten Scheibe weder in relativer Häufigkeit noch in Gefährlichkeit sonderlich stark von dem nach einer versuchten kontrollierten Entry zu unterscheiden scheint.
  • Dump-ins haben sicherlich auch weiterhin ihren Platz im Eishockey. Nach einem Wechsel, in dem man 2 Minuten lang im eigenen Drittel verteidigt hat, ist ein Dump and Change sicher die richtige Entscheidung. Aber in vielen anderen Situationen liesse sich sicherlich ein Vorteil durch etwas mehr Aggressivität an der gegnerischen blauen Linie herausholen.
  • Hier kommt man schon sehr sehr nahe an Teamtaktiken heran. Es kann durchaus sein, dass es für gewisse Teams hier merklich andere Ergebnisse gibt.
  • Mit dem Verbinden von Exits und Entries von gestern und dem heute gesehenen Verbinden von Entries und den darauffolgenden Angriffen lassen sich auch Forechecks der Teams etwas genauer beurteilen, schliesslich ist das ja genau das, was diese möglichst stören/verhindern möchten.
  • Mit vernünftigem taktischen Wissen und genügend Stichprobe liesse sich so auch eine Datenbank aufbauen, die nicht nur die Taktiken des Gegners beinhaltet, sondern einen auch die Effektivität unterschiedlicher Gegenstrategien untersuchen lässt.