Die Kölner Haie und die neutrale Zone: Teil 6 - Angriffe mit Schussversuchen

Hier folgt ein Post einer Reihe über die Zone Entries / Exits der Kölner Haie in der Saison 2013/14. Ein Leitfaden dazu ist hier zu finden.  Teil 1 der Serie ist hier zu finden. Teil 2 der Serie ist hier zu finden. Teil 3 der Serie ist hier zu finden. Teil 4 der Serie ist hier zu finden. Teil 5 der Serie ist hier zu finden.

Bisher haben ging es hauptsächlich darum, wie die Haie bzw. deren Gegner die blauen Linien überbrückten. Heute richtet sich der Blick etwas mehr auf die Leistungen im Offensivdrittel. Wie bereits bekannt ist, hatte ich beim Aufzeichnen der Zone Entries auch die aus dem Angriff resultierenden Schussversuche gezählt. Ganz allgemein formuliert sind mehr Schussversuche natürlich positiv. Doch völlig gleich behandeln sollte man diese nicht.

Und nein, ich spreche jetzt nicht von Schussqualität, zumindest nicht im konventionellen Sinn.
Es war zwar deutlich mehr Ausnahme als Regel, aber beim Tracken der Spiele fiel mir auf, dass ich einige Male feststellen musste, dass Angriffe, in denen kein Abschluss versucht wurde, teilweise für produktiver hielt, als manche, die einen Schussversuch beinhalteten. Allerdings, sobald die Kölner einen zweiten Schussversuch verzeichneten, verschwand das völlig. Angriffe mit zwei Schussversuchen schienen mir durchweg "gute" Angriffe zu sein.

Das erscheint mir an und für sich auch als sinnvoll, denn ein Angriff mit zwei oder mehr Schussversuchen setzt ja voraus, dass die Haie mehrmals in Scheibenbesitz sind und somit eine verlängerte Zeit in der Offensivzone verbringen. Ausser es handelt sich beim zweiten Schuss um einen Rebound, wobei das meiner Meinung nach auch nicht gegen meine "gute Angriffe"-These spricht.

Daher gehe ich im Folgenden von 3 meiner Ansicht nach sehr vernünftigen Thesen aus (mit dem Hintergedanken, dass es in der Statistik meist um Mittelwerte und grosse Stichproben und nicht um Einzelfälle geht):

  1. Mehr Schussversuche repräsentieren mehr Zeit in der OZ.
  2. Angriffe mit einem oder mehreren Schussversuchen sind produktiver als Angriffe ohne Schussversuch.
  3. Angriffe mit mehreren Schussversuchen sind merklich besser als Angriffe mit nur einem Schussversuch.

Meiner Meinung nach unterscheidet sich Eishockey fundamental von Basketball oder zu grossen Teilen auch Fussball, da sich Offensive im gegnerischen Drittel nicht sonderlich gut "konstruieren" lässt (wir reden natürlich von 5v5). Offensive ist vielmehr ein Resultat daraus, sich in eine Position zu bringen, die Defensive dazu zu zwingen, einen Fehler zu machen. Daher mögen wir #fancystats-Liebhaber so gerne Mannschaften mit vielen Schussversuchen/Puckbesitz. Sie bringen sich in eine Position, in der sie dem Gegner mehr Chancen geben, Fehler zu machen und sich selbst weniger.
Und da sind längere Aufenthalte in der OZ sehr hilfreich.

Schussversuche nach Entries

Kontrollieren wir doch einmal, wie die Schussversuche nach Entries sich verteilen. Zu lesen sind die Diagramme als "30% der Carry-ins resultieren in 0 Schussversuchen. 54% der Carry-ins resultieren in 1 Schussversuch. Etc. "

Interessant sind hier vor allem zwei Vergleiche:

  • Erfolgreiche Carry-ins und gewonnene Bullys in der OZ (OZ+) haben sehr ähnliche Verteilungen. In beiden Fällen ist Scheibenbesitz im gegnerischen Drittel garantiert.
  • Dump-ins und verlorene Bullys in der OZ (OZ-) haben sehr ähnliche Verteilungen, es gibt leichte Unterschiede im Vergleich zu Failed Carry-ins. Auch das scheint mir sinnvoll zu sein, schliesslich hat man sowohl bei einer tiefgespielten Scheibe als auch bei einem verlorenen Bully den Puck meist hinter der Grundlinie mit einem oder zwei Forecheckern, die direkt nachgehen.
  • Die Wahrscheinlichkeit, nach einem verlorenen Bully einen Schuss aufs Tor zu bekommen ist höher, als bei einem Dump-in. Ich würde mir das dadurch erklären, dass hier 5 Mann im gegnerischen Drittel sind, der Spielaufbau somit deutlich erschwert wird.
  • Andererseits sind auch 5 Mann des Gegners vorhanden, sodass es auch sinnvoll erscheint, dass es weniger Angriffe mit 2 oder mehr Schussversuchen gibt. Bei Dump-ins laufen häufig Wechsel ab, sodass deutlich weniger Spieler sich in der OZ befinden, was die Wahrscheinlichkeit erhöhen sollte, dass nach das Offensivteam die Scheibe nach einem Schussversuch noch einmal bekommt.

Diese Diagramme sind aber noch nicht sehr übersichtlich. Fassen wir diese einmal zusammen, sodass sich leichtere Vergleiche ergeben. Carry-ins und Failed Carries (in Kombination mit Turnovers) werden wieder zu versuchten Carry-ins zusammengefasst, OZ+ und OZ- werden zu OZ, also allen Bullys im gegnerischen Drittel zusammengefasst.

Allzu viel gibt es hierzu eigentlich nicht zu sagen. Selbst mit verschlechterter Quote (die durchaus eintreten könnte, wenn man gezielt häufiger versucht, die OZ zu betreten), dauert es eine ganz schöne Weile, bis sich der Versuch, die Scheibe mit Kontrolle ins gegn. Drittel zu bringen und sie tief zu spielen, ausgleichen. Das gilt offensichtlich nicht nur für Schussversuche im Allgemeinen, sondern auch für die wertvollen Angriffe mit 2 oder mehr Schussversuchen.

Was ausserdem auffällt, ist, dass es wohl keinen grossen Unterschied macht, wie ich die gegnerische Zone betreten habe, sobald ich einen Schuss aufs Tor bekomme. Die Rate mit der aus Angriffen mit einem Schussversuch Angriffe mit 2 oder mehr Schussversuchen werden, ist nahezu gleich für alle Entryarten (ca. 23% für Köln). Das bedeutet, dass sobald der Schuss aufs Tor kommt, ist alles, was vorher kam (bis zu einem gewissen Grad) egal.
Wenn man die gegnerische Zone mit Scheibenkontrolle betritt, gibt man sich einfach viiiel mehr Chancen dazu, in diese Position zu kommen.

Um das ganze etwas weniger abstrakt zu behandeln, schauen wir doch mal, wie es sich hier mit den einzelnen Spielern der Haie verhält.

Spieler

Da es sich hier um Fähigkeiten handelt, die sich definitiv nicht auf den Spieler beschränken, der die Scheibe ins gegnerische Drittel befördert, sondern die ganze Reihe betreffen, habe ich hier nur die hier schon erwähnten Reihendaten verwendet. 

Als erstes gucken wir uns einmal an, wie die Haie-Stürmer abschneiden, wenn es darum geht, Angriffe mit mindestens einem Schussversuch zu ermöglichen:

Hmm... Das macht einen sehr bekannten Eindruck. Riefers, Falk, Collins, Müller? Das klingt nach Spielern, die gut darin sind, dafür zu sorgen, dass ihre Reihe mit Scheibenkontrolle die OZ betritt. Kontrollieren wir doch mal die Beziehung zwischen den beiden Grössen:

Das sieht doch recht deutlich aus. Man kann also mit recht vernünftiger Sicherheit behaupten, dass Spieler, die die OZ häufiger mit Kontrolle betreten auch häufiger in ihren Angriffen mindestens einen Schuss aufs Tor abgeben.

Aber gilt das gleiche auch für die wertvolleren Angriffe mit 2 oder mehr Schüssen? Schauen wir uns mal an, welche Haie-Spieler mit ihrer Reihe hier am besten sind:

Daniel Schmölz würde ich hier generell mal ignorieren. Von den Stürmern, die hier aufgeführt sind, hat er mit Abstand die wenigsten Spiele und Angriffe. Aber hier gibt es doch ein paar Sprünge. Nathan Robinson ist unter anderem auf einmal weit vorne. Rok Ticar und Philip Riefers deutlich weiter hinten.

Vergleichen wir das ganze wieder mit der Rate, mit der die jeweilige Reihe die OZ mit Scheibenkontrolle betritt

Die Abweichungen von der Trendlinie sind hier schon deutlicher, aber ein ähnlicher Trend wie oben ist zu erkennen, auch wenn er hier merklich schwächer ist. Es gibt anscheinend also tatsächlich Unterschiede, was das ermöglichen von mehreren Schussversuchen angeht.

Aber woher kommt dieser Unterschied? Offensichtlich bedeutet ein höherer Anteil an Entries mit Scheibenbesitz auch meist einen höheren Anteil an wertvollen Angriffen mit 2 oder mehr Schussversuchen, aber woher stammen die Abweichungen?

Eine Idee, darauf etwas genauer einzugehen, war, zu kontrollieren, wie gut die einzelnen Spieler (mit ihren Reihen) darin sind, Angriffe mit 1 Schussversuch zu Angriffen mit 2 oder mehr Schussversuchen zu erweitern.

Um es einmal anders auszudrücken: Wenn Nathan Robinson auf dem Eis ist, werden ca. 29% der Angriffe, in denen die Haie mindestens einen Schussversuch bekommen, zu Angriffen, in denen sie 2 oder mehr Schussversuche bekommen.

Diese Aufstellung wirft natürlich einiges an Fragen auf:

  • Warum ist Rob Collins so schlecht?
  • Wie kann es sein, dass Charlie Stephens ganz unten, John Tripp in der Mitte und Nathan Robinson ganz oben ist, wenn die drei gut die Hälfte der von mir untersuchten Spiele zusammengespielt haben (dran denken, es handelt sich um Reihendaten!)?
  • Was macht Daniel Schmölz da oben und Rok Ticar da unten?

Auch wenn es eigentlich klar sein sollte, hier noch einmal die Überprüfung, ob diese Eigenschaft irgendwie auf den Anteil der Entries mit Scheibenkontrolle zurückzuführen ist:

So sieht das aus, wenn zwei Grössen grösstenteils unkorreliert sind. Von der Control% lässt sich eigentlich gar nicht auf den Prozentsatz der ..... (zu faul, es nochmal zu formulieren) schliessen. Die beiden Grössen haben also sehr wenig bis gar nichts miteinander zu tun.

Eine Ehrliche Unordnung

Bill James sagte einmal "I'd rather leave an honest mess for others to clean up than a tidy lie they can admire". Er hinterlasse lieber eine ehrliche Unordnung, die andere aufräumen sollen, als eine saubere Lüge, die sie bewundern können.
Ich habe spontan keine Antworten auf die Fragen. (Ausser Daniel Schmölz. Das ist höchstwahrscheinlich ein Stichprobenproblem. Der hat viel weniger gespielt als der Rest der Spieler hier.). Und statt mir hier irgendetwas aus den Fingern zu saugen, lasse ich die Fragen lieber mal im Raum stehen. Wäre ja auch zu schön, wenn es hier nie Hausaufgaben für die Leser gäbe :D
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