Die Kölner Haie und die Neutrale Zone: Teil 5 - Dump and Chase

Hier folgt ein Post einer Reihe über die Zone Entries / Exits der Kölner Haie in der Saison 2013/14. Ein Leitfaden dazu ist hier zu finden.  Teil 1 der Serie ist hier zu finden. Teil 2 der Serie ist hier zu finden. Teil 3 der Serie ist hier zu finden. Teil 4 der Serie ist hier zu finden.

In den bisherigen Artikeln ging es vorrangig darum, die beträchtliche Masse an Daten zu veröffentlichen. Jetzt geht es darum, aus den vorhandenen Daten ein paar halbwegs interessante Dinge herauszusuchen.

Als erstes soll es hier um eines meiner neuen Lieblingsthemen gehen: Dump and Chase.

Völlig simpel formuliert ist Dump and Chase ein Spielzug, bei dem ein Team die Kontrolle der Scheibe abgibt. In der Hoffnung, sie später wiederzuerlangen. Das klingt nach keiner sonderlich guten Idee.

Das belegen eigentlich auch die Statistiken. In den 26 von mir beobachteten Spielen haben die Kölner Haie die Scheibe 782 Mal tief gespielt. Aus diesen 782 Versuchen resultierten 161 Schussversuche. Das sind recht unschöne 0.21 Schussversuche pro Dump-in.
Dem gegenüber steht die Tatsache, dass sie die Scheibe 913 Mal mit Kontrolle ins gegnerische Drittel gebracht haben, also ein Hai entweder einen erfolgreichen Pass gespielt hat oder den Puck selbst in die gegnerische Zone gebracht hat. Aus diesen 913 Entries resultierten 830 Schussversuche. Das ergibt ca. 0.91 Schussversuche pro Entry mit Scheibenkontrolle.

Natürlich ist ein völlig korrektes Argument gegen die einfache Verwendung dieser Zahlen: "Moment! Das ist aber nicht die Wahl, die die Spieler haben. Die Spieler wählen schliesslich nicht zwischen "Die Scheibe mit Kontrolle reinbringen" und "Tief spielen"! Die Spieler wählen zwischen "Versuchen, die Scheibe mit Kontrolle reinbringen" und "Tief spielen" !"*

Also müssen wir auch miteinberechnen, wenn ein Versuch, die scheibe kontrolliert ins Drittel zu bringen, scheitert. Dazu gibt es Failed Carries und Turnovers. 258 Mal ist ein Versuch, die Scheibe in die OZ zu bringen, schief gegangen, der Puck ist aber trotzdem im gegnerischen Drittel gelandet. Aus diesen Fehlversuchen resultierten immerhin noch 40 Schussversuche. Aus den 26 Turnovers resultierten natürlich keine Schussversuche. Das ist zwingend so, da die Statistik von mir so definiert wurde. Ein Turnover ist, wenn der Puck nicht ins gegnerische Drittel kommt, sondern der Gegner vor der blauen Linie direkt in Scheibenbesitz kommt.

Also müssen wir neu rechnen. Wir haben 1197 Versuche, die Scheibe ins gegnerische Drittel zu bringen. Aus diesen 1197 Versuchen resultierten 870 Schussversuche. Das ergibt eine Rate von 0.73 Schussversuchen pro Entry. Immer noch erheblich besser.

Ein anderes, simples Gegenargument könnte sein: "Das kommt auf den Spielertyp an. Manche können eben keinen netten Spielzug an der blauen Linie, dafür holen sie die Scheibe besser zurück, wenn sie tiefgespielt wird."

Schauen wir doch mal nach, ob das stimmt (zumindest mal für die Haie).

Der einzige, der scheinbar einigermassen rechtfertigen könnte, die Scheibe tief zu spielen, ist Mika Hannula. Auffällig: die Stürmer mit den besten Ergebnissen nach Dump-ins sind Falk, Riefers, Collins, Hannula, Minard, Robinson und Gogulla. Das klingt nicht gerade nach den prototypischen Dritt- oder Viertreihenspielern von denen man dieses Verhalten gewohnt ist. Philip Riefers spielt zwar vierte Reihe, ist meiner Meinung nach aber zu deutlich mehr geeignet. Es scheint fast so als spielen die Stürmer, die am wenigsten davon profitieren, die Scheibe am häufigsten tief. Auch das können wir kontrollieren, indem wir gucken, bei wie viel % der Entries eines Spielers die Scheibe tief gespielt wird.

Tatsächlich. Die Spieler, die Scheibe am häufigsten tief spielen - John Tripp, Charlie Stephens, Yared Hagos - sind gleichzeitig diejenigen Spieler, die am wenigsten aus diesen Angriffen herausholen. Dem gegenüber stehen Spieler wie Collins, Hannula, Riefers und Falk (über Marcel Müller müssen wir uns irgendwann mal separat unterhalten), die die Scheibe merklich seltener tief spielen. Das ganze aber scheinbar intelligenter machen.

Mehr Risiko

Hier fällt wieder mal eine unschöne Eigenschaft der Eishockeykultur auf. Eine sehr starke Abneigung gegenüber Risiko. Spieler mit etwas weniger in die Wiege gelegtem Talent bekommen beigebracht, dass sie sich darauf konzentrieren sollen, "sicher" zu spielen. Bloss keine Fehler machen. Diese Denkweise führt dazu, dass manche Spieler ihre eigenen Fähigkeiten unterschätzen oder ignorieren. Ich habe hier schon einmal über Risikoaversion und Verlustaversion geschrieben. Es beschreibt das Phänomen, dass Menschen Fehler oder Niederlagen ca. doppelt so hoch gewichten wie gleichwertige Gewinne.
Dump and Chase stammt aus der Zeit im Eishockey, als der Vorwärtspass gerade erlaubt wurde und Verteidiger es gewohnt waren, in der Neutralen Zone auf einen anlaufenden Stürmer zu warten. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Verteidiger heute sind schlichtweg zu gut mit dem Puck, um bei tief gespielten Scheiben dauerhaft Fehler zu erzeugen. Die meisten Eishockeytrainer können sich aber noch sehr gut an Zeiten erinnern, in denen Dump and Chase eine sehr effektive Strategie war. Für diese Trainer ist das schlimmste, was ein Spieler machen kann, einen Turnover zu verursachen. Das merkt man eben vor allem bei Spielern der unteren beiden Reihen. Denen werden Fehler nur schwer verziehen. Ich denke aber, dass man sich gerade hier Vorteile verschaffen kann, wenn man seine Spieler aggressiver spielen lässt und gezielt auf Spieler setzt, die auch ein gewisses Mass an Kreativität haben.

Natürlich will ich hier nichts verrücktes vorgeben und behaupten, man sollte die Scheibe nie tief spielen. Das wäre unvernünftig. Schliesslich gibt es definitiv Situationen, in denen es besser ist, wenn der Spieler den sicheren Weg wählt. Schliesslich hat ein Turnover an der blauen Linie ja nicht nur die Konsequenz, dass man in diesem Angriff keine Schüsse aufs gegnerische Tor bekommt, sondern ausserdem noch das begleitende Problem, dass der Gegner in dem Moment wohl sehr viel besser dazu aufgestellt ist, selbst einen vernünftigen - sprich: besser als durchschnittlichen -  Angriff aufzubauen.

Doch all das lässt sich in einem vernünftigen Rahmen quantifizieren. Im Rahmen dieses Projekts habe ich darauf verzichtet, möchte aber trotzdem einmal nahelegen, wie man mit recht simplen Methoden an diese Aufgabe herangehen könnte.

Optimisierung

Man kann mit einer vernünftigen Datenbank nicht nur berechnen, wie viele Schussversuche man aus den unterschiedlichen Entry-Arten erwartet, sondern kann auch kontrollieren, wie das Spiel nach diesem Angriff verläuft. Fragen wie:

  • Welche Entry-Art verhindert am besten einen ruhigen Spielaufbau des Gegners, wenn der Angriff beendet ist?
  • Wie wahrscheinlich ist es bei den unterschiedlichen Entry-Arten, dass der nächste Angriff nach diesem einer meiner Mannschaft ist (also dass es kein "hin und her" gibt)?
  • Welche Entry-Art sorgt dafür, dass der nächste Angriff des Gegners am seltensten mit Scheibenkontrolle in meinem Drittel endet?

Diese und ähnliche Fragen können beantwortet werden, um herauszufinden, wie viel Risiko die einzelnen Spielzüge wirklich beinhalten.

Beispiel: John Tripp spielt die Scheibe zu 54% tief. Wenn er sie nicht tief spielt, schafft er es, die gegnerische Zone zu 65% mit Kontrolle zu betreten. Auf John Tripp's Dump-ins folgen zu x % gegnerische Angriffe mit y Torschüssen, auf seine Carry-in-Versuche folgen zu a % gegnerische Angriffe mit b Torschüssen.

Wenn diese Variablen (x, y, a, b)bekannt sind - und der Schritt von meiner sehr simplen Notation/Datenbank zu einer Datenbank, die diese Fragen beantworten kann, ist unter den richtigen Rahmenbedingungen kein sonderlich grosser - lässt sich die Frage beantworten: "Wie oft sollte John Tripp versuchen, die Scheibe mit Kontrolle ins gegnerische Drittel zu bringen, sodass am Ende für die Kölner Haie das bestmögliche Schussverhältnis bzw. Torverhältnis dasteht?"

 

Natürlich gibt es hier noch andere Faktoren, die das beeinflussen. Wenn John Tripp aktuell bei 65% seiner Versuche scheitert, kann es sehr gut sein, dass das, wenn er es häufiger probiert, durchaus schlechter wird.

Ich würde ausserdem auch nie behaupten, dass man zu John Tripp geht und sagt: "Hans, du probierst aktuell bei 44% deiner Entries, die Zone mit Kontrolle zu betreten. Wir hätten diese Zahl gerne bei 48.2%. Ok?" Das ist natürlich sinnlos. Das wichtige ist, seinen Spielern beizubringen, dass es erwünscht ist, weniger die sichere Variante zu wählen und seinen Spielern zu versichern, dass ein oder zwei Fehler ihnen nicht sofort einen Platz auf der Tribüne verschaffen.

Fehler passieren und wenn man häufiger versucht, kreative Spielzüge zu machen, passieren häufiger Fehler, die der gemeine Fan/TV-Experte erkennt (siehe Lehoux, Yanick), während die Erfolge, die diese Aktionen bringen (die Zone mit höherer Wahrscheinlichkeit mit Scheibenkontrolle betreten), diesen eben seltener auffallen. Entscheidend ist, sich nicht von Verlustaversion und Risikoaversion leiten zu lassen, sondern den Blick auf das Gesamtkonstrukt zu behalten. So schafft man es, wirklich zu kontrollieren, ob die ganzen guten kleinen Dinge die grossen, sichtbaren Fehler nicht doch überschatten.

 

 

* Ich denke mal, wir sind uns einig, dass versuchte Dump-ins selten bis nie schief gehen, daher soll das hier mal ignoriert werden.