Auf dem Vormarsch

Gestern wurde bekannt gegeben, dass Kyle Dubas, der seither ehemalige GM der Sault St.Marie Greyhounds (OHL), der neue Assistant General Manager der Toronto Maple Leafs wird. Diese Anstellung schockierte die Eishockeywelt ein wenig. Toronto ist seit einigen Jahren dafür bekannt, sich konsequent gegen die Anwendung von statistischer Analyse auszusprechen. Dave Nonis und der frührere GM Brian Burke haben häufig davon gesprochen, dass sie zwar ein Budget für derartige Dinge haben, dieses aber bisher nicht angerührt haben. Coach Randy Carlyle coacht einen Stil, der unzeitgemäss ist, predigt seinen Spielern, den Puck übers Glass aus dem eigenen Drittel heraus zu spielen und die Scheibe tief zu spielen.

Kyle Dubas ist.... quasi das Gegenteil. Er spricht häufig davon, wie sehr ihm statistische Analyse bei seinem Blick auf den Sport und der Beurteilung von Spielern hilft. Zusammen mit seinem Trainer Sheldon Keefe legt er wert darauf, dass seine Spieler den Puck möglichst spielerisch ins gegnerische Drittel bringen und Dump and Chase wirklich nur eine Notlösung ist. 

Kyle Dubas et al.

Als der ebenfalls Richtung statistische Analyse orientierte Canucks-Blog CanucksArmy die Auswahl von Sault St. Marie Center Jared McCann als 24. Pick im Draft 2014 in Frage stellte, war Dubas bereit, den Autoren die Sorgen zu einem seiner Spieler etwas zu nehmen. Im Interview (das das Lesen wirklich wert ist), bietet Dubas folgende Aussagen:

Über McCanns Fähigkeiten in der Neutralen Zone:

Jared schaffte es letzte Saison, die Offensivzone zu 70% mit Kontrolle der Scheibe zu betreten. Damit war er in unserem Team nur hinter Bryan Moore (77%), Sergey Tolchinsky (73%) und Patrick Watling (71%). Natürlich bietet sich Sheldons Stil dazu an, das Offensivdrittel mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Puckkontrolle zu betreten, aber diesen Stil auch korrekt spielen zu können und nicht in alte Gewohnheiten zu verfallen, benötigt Geschwindigkeit, Talent und Spielintelligenz um die notwendigen Spielzüge in der Neutralen Zone umzusetzen.
Auf der defensiven Seite erlaubte Jared dem Gegner nur zu 49% die Offensivzone mit Scheibenkontrolle zu betreten. Damit war er zweitbester im Team hinter Andrew Fritsch (48%). 
Nimmt man beides zusammen ergibt sich ein Bild von einem Spieler, der hervorragend in der Neutralen Zone arbeitet.

Über seine Verwendung:

Jared war unser Erstreihencenter. Seine Offensive Zone Start% (Erklärung weiter unten *), betrug 56% und war die viertniedrigste in unserem Team. Er spielte gegen die erste und zweite Reihe des Gegners. Zu Hause konnte Sheldon die Matchups kontrollieren und Tyler Gaudet gegen die erste Reihe des Gegners aufs Eis schicken. Auswärts wollten die gegnerischen Coaches das vermeiden. Daher ergab sich dann, dass Jared auswärts gegen die Top-Reihe des Gegners ran musste.

Über seine Puckbesitzwerte:

Jared's Corsi-Wert war der beste unter unseren Stürmern (+259, 57.9%) und nur hinter Verteidigern Darnell Nurse und Kyle Jenkins.

und wie diese Puckbesitzwerte in der NHL aussehen könnten:

Meine objektive Meinung: Wir zeichnen diese Werte seit 3 Jahren intern, also ist es schwer zu beurteilen, wie diese Zahlen in die NHL übersetzen.
Subjektiv: Ich glaube, Jareds Puckbesitz- und Zone Entry-Werte zeugen von einer vielversprechenden Zukunft.

Über seine etwas enttäuschenden Punktzahlen:

Ich hatte in der Saison den Eindruck, dass Jared sich häufig zu sehr auf die Defensive konzentrierte und etwas konservativ war, was das Mitlaufen bei Angriffen anging. Sheldon und ich haben viel Zeit damit verbracht, wie wir Jareds Offensivleistungen konstanter einbringen können.
Jared hat ausserdem mit seinen Schussversuchen das Tor sehr häufig verpasst, deutlich häufiger als der Rest des Teams. Ich würde das mit einem jungen Pitcher vergleichen, der fantastische Geschwindigkeit hat aber zu Beginn seiner Karriere noch lernen muss, seine Würfe unter Kontrolle zu bringen. Er ist eins der wenigen Talente in diesem Draft, die den Torhüter direkt mit einem Handgelenkschuss überwinden können. Wenn er an seiner Schussgenauigkeit arbeitet, was eine sehr hohe Priorität für ihn ist, werden sich seine Zahlen hier verbessern.
Etwas anderes, was Jared (und unsere Center allgemein) etwas daran hindert, offensiv viel zu produzieren, ist das System, das wir im Defensivdrittel spielen. Die Center müssen da sehr tief spielen, um den Verteidigern eine Option zum Wechsel anzubieten. Sie dürfen auf keinen Fall etwas Richtung Neutrale Zone driften und auf eine Kontermöglichkeit hoffen. Daher sieht er häufig 5 Spieler des Gegners vor sich, statt nur 2 oder 3 wie das bei anderen Centern der Fall ist, die dann einen öffnenden Pass vom Flügel bekommen.

Ich muss ganz ehrlich zugeben, mir persönlich macht es enorme Freude, wenn ein Manager so über seine Spieler spricht. Gefällt mir deutlich besser als "Er geht dahin, wo's weh tut und hat unheimliche Leaderqualitäten".

Sehr erfrischend sind auch seine Aussagen, was einen guten Verteidiger ausmacht:

Die Geschwindigkeit, mit der er seine Greyhounds von einem Kellerkind zu einem Titelkandidat gewandelt hat, spricht auch für sich. In der Saison bevor Dubas angestellt wurde (2010-11), schafften die Greyhounds 56 Punkte aus 68 Spielen. 2011-12 waren es bereits 64, 2012-13 78 und letzte Saison sammelten die Greyhounds ganze 95 Punkte und waren damit eins der besten Teams der Ontario Hockey League.
Natürlich ist das nicht alles nur auf statistische Analyse zu schieben, dazu gehören auch die nötigen Fähigkeiten, gutes Personal zu finden, dass eigene Ideen einbringen kann und diese auch den Spielern so nahelegen kann, dass die Spieler sie auf dem Eis umsetzen können.

Und Dubas ist nichtmal der erste "Nerd", der diesen Sommer in der NHL unterkam. Sunny Mehta, der früher auf Irreverent Oiler Fans die Grundzüge der heutigen #fancystats mit aufbaute, ist mittlerweile der Director of Hockey Analytics der New Jersey Devils.

Eric Tulsky, meiner Meinung nach neben Tyler Dellow der innovativste Analyst, der seine Arbeit öffentlich macht, wurde ebenfalls von einem NHL-Team angestellt (darf allerdings nicht verraten, welches). Gebloggt hat er bisher unter NHL Numbers und in letzter Zeit bei Outnumbered.

"Adapt or Die"

Hockey Analytics sind auf dem Vormarsch. So einige NHL-Führungskräfte erkennen das und reagieren. In einer Liga, in der die grossen Teams nicht einfach alles an Talent aufkaufen können, bietet es sich an, dass Teams wie Toronto ihre finanziellen Muskeln anders spielen lassen wollen. Eine Möglichkeit dazu ist eben, die Entscheidungsfindung mit Hilfe von statistischer Analyse zu verbessern. Oder mit der Hilfe von statistischen Einsichten taktische Feinheiten herauszufinden.

Wie ich schon häufiger erwähnt habe: Niemand, der das ganze ernst nimmt, wird behaupten, dass Scouting und Stats ein Widerspruch sind. Im Gegenteil. Im Optimalfall verbessern diese beiden Informationsquellen sich gegenseitig. 

Da ich keine wirklichen "Insider"-Infos dazu habe, möchte ich mir nicht anmassen, mit absoluter Sicherheit zu behaupten, dass keine Teams in der DEL wichtige Micro-Stats tracken (abgesehen von Torchancen. Die werden recht häufig gerne von Coaches verwendet). Schliesslich haben Teams, die derartige Analyse im Hintergrund betreiben eine grosse Motivation das möglichst geheim zu halten. Aber so, wie einige Teams in der DEL spielen und reden, habe ich den Eindruck bekommen, dass eine etwas analytischere Denkweise auf jeden Fall nicht sonderlich verbreitet ist. 

Vorteile entstehen durch Innovation. Dinge anders zu machen, als es der Branchen-Standard ist. Konventionen zu hinterfragen. Heutzutage ist das einzige, was man mit Oldschool noch gewinnen kann wahrscheinlich ein Tanzwettbewerb. Statistische Analyse im Eishockey steckt noch so in den Kinderschuhen, dass man sich recht leicht Vorteile gegenüber der Konkurrenz verschaffen könnte.
Wichtig ist hier vor allem der Aphorismus von Voltaire: ""Perfekt" ist der Gegner von gut".
Mit anderen Worten: Nur weil wir heute noch nicht dazu im Stande sind, alle Beiträge eines Eishockeyspielers zum Erfolg oder Misserfolg seines Teams exakt zu bemessen**, bedeutet das nicht, dass statistische Analyse keinen Wert hat. Mehr relevante Informationen sind immer hilfreich.

Auch wenn es in der DEL keinen Salary Cap gibt, konkurrieren DEL-Teams doch häufig mit Teams aus dem Ausland, die teilweise einfach tiefere Taschen haben, sodass auch DEL-Teams nicht einfach nur Geld sprechen lassen können.
Nebenbei: Ich habe erfahren, dass mindestens ein Team in Schweden die öffentlich erhältlichen Konzepte bereits umsetzt und erweitert.

Es scheint so, als würde ein Umdenken im Eishockey stattfinden. Wie mit den Regeln des Sports scheint Nordamerika voranzugehen. Das ganze scheint seine kritische Masse bereits erreicht zu haben. Von daher:

 

* Offensive Zone Start% = "Anzahl der Wechsel, die im gegnerischen Drittel starten" geteilt durch Anzahl der Wechsel, die im gegnerischen Drittel starten PLUS Anzahl der Wechsel, die im eigenen Drittel starten.

Je höher die Zahl, desto leichter wird es der Spieler haben, Tore/Punkte/Schüsse zu sammeln.

** Zur Weltformel: Ich habe schon mehrmals gelesen, dass es anscheinend einige Firmen gibt, die Modelle zur Spielerbeurteilung anbieten. Diese Blackbox-Modelle, deren genauer Inhalt unbekannt ist, halte ich aber für äusserst fragwürdig. Wie gesagt, Eishockey ist noch nicht so weit, dass eine akzeptable Weltformel gefunden ist. Hier haben es Manager sicherlich schwer, zwischen "guten" Stats und "schlechten" Stats zu unterscheiden. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, Scouting, Stats und Coaching zu verbinden, um möglichst viel Widerspruch zu bekommen. Wenn man seine Meinung rechtfertigen muss, lässt einen das sehr viel sorgsamer arbeiten.