Corsi für Coaches - Zone Entries / Zone Exits

Ein häufig verwendetes Argument gegen statistische Analyse im Eishockey ist die Tatsache, dass Trainer und Spieler mit diesen Statstiken recht wenig anfangen können. Wenn man einem Spieler sagt: Du hattest letztes Spiel sehr schwache Puckbesitzzahlen, sagt der: Ok, und jetzt? Warum? Was muss ich ändern, um das zu verbessern?

Dem muss ich so zustimmen. Die momentan öffentlich jederzeit abrufbaren Statistiken haben ihren Wert hauptsächlich in der groberen Spielerbeurteilung, wie das eher bei Aufgaben des Managements üblich ist. Puckbesitzstatistiken in Kombination mit Kontextstatistiken wie Schussquoten, Verwendung, Mitspieler, Gegner, etc. können einem ein recht genaues Bild von einem Spieler geben, auch deutlich genauer als nur ein Blick auf die „Standard“-Stats eines Spielers. Um daraus aber für Trainer und Spieler wertvolle Aussagen ziehen zu können, ist es notwendig noch eine Stufe tiefer zu gehen. Das Erkennen eines Problems auf dem Level der Puckbesitzstatistiken ist zwar durchaus wertvoll, der Trainer bekommt dadurch aber keine wirkliche Hilfestellung um herauszufinden, was er speziell ändern muss, um es zu beheben.
Ihn interessiert (hoffentlich) die Frage "Warum hat der Gegner die Scheibe mehr als wir?"

Analysten (Analytiker? ugh, deutsche Sprache…) wie Tyler Dellow oder Eric Tulsky arbeiten daran, diese Fragen zu beantworten. (Bzw sie arbeiten daran, zu erarbeiten, wie man solche Fragen beantworten könnte.) Aus meiner Sicht gibt es aktuell 2 verschiedene, sich allerdings auf gar keinen Fall ausschliessende Herangehensweisen, zu erklären, woher Puckbesitz kommt:

  1. Über Zone Entries / Zone Exits
  2. Über situationsbedingte Puckbesitzstatistiken

Heute und morgen möchte ich etwas genauer darauf eingehen, wie beide Herangehensweisen versuchen, die Frage mit dem Puckbesitz zu klären und Teams konkret helfen können. Heute geht es um Zone Entries / Zone Exits:

 

Die Neutrale Zone

Durch die Abseitsregel wird die Mobilität der Spieler auf dem Eis eingeschränkt. Die blauen Linien stellen tatsächliche Grenzen dar, die Spieler nur unter bestimmten Bedingungen passieren dürfen. Der Neutralen Zone wird dadurch eine besondere Bedeutung verliehen. Im Grunde genommen gibt es aus Sicht einer Mannschaft 4 verschiedene Interaktionen mit der Neutralen Zone:

  1. Eintritt in die Neutrale Zone aus dem eigenen Defensivdrittel (In der Regel selbst veranlasst)
  2. Austritt von der Neutralen Zone in das gegnerische Defensivdrittel (i.d.R. selbst veranlasst)
  3. Eintritt in die Neutrale Zone aus dem gegnerischen Defensivdrittel (i.d.R. vom Gegner veranlasst)
  4.  Austritt aus der Neutralen Zone in das eigene Defensivdrittel (i.d.R. vom Gegner veranlasst)

Diese vier Vorgänge lassen sich mit folgenden Begriffen beschreiben:

  1. Zone Exit (Herauskommen aus dem eigenen Drittel)
  2. Zone Entry (Eintritt ins gegn. Drittel)
  3. Forecheck (Verhindern gegn. Zone Exits)
  4. Neutral Zone Defense (Verhindern gegn. Zone Entries)

Eine andere häufige Kritik an der statistischen Analyse des Eishockeys ist, dass „Eishockey nicht Baseball ist“. Damit ist gemeint, dass Eishockey ein viel zu flüssiger Sport ist, der sich nicht so leicht in diskrete Ereignisse aufteilen lässt, wie die klaren und leicht beschreibbaren Interaktionen im Baseball. Dagegen hab ich etwas einzuwenden. Denn ja, wenn man schlau genug an die Sache herangeht, lässt sich Eishockey sehr wohl in einem vernünftigen Rahmen in diskrete Ereignisse aufteilen.

Die Tatsache, dass das nicht so einfach ist wie im Baseball bedeutet nicht, dass es unmöglich ist. Im Falle der Neutralen Zone ist es mit den vorher beschriebenen Definitionen möglich, die komplexen Vorgänge etwas einfacher herunterzubrechen, in dem man Zone Entries bzw. Zone Exits aufzeichnet.

Zone Entries

Beim Aufzeichnen von Zone Entries zählt man, wie häufig welcher Spieler den Puck ins gegnerische Drittel befördert hat. Ausserdem notiert man sich üblicherweise, auf welche Art und Weise er das tut, also ob er mit dem Puck ins gegnerische Drittel fährt, einen Pass spielt oder die Scheibe tief spielt. Man kann zudem noch aufzeichnen, welcher Verteidiger (oder Stürmer) dem jeweiligen Spieler an der Blauen Linie gegenüber stand. Das, in Kombination mit der Information, welche Spieler zu dem Zeitpunkt auf dem Eis waren, lässt einen wissen…

  • Welche Spieler den Puck häufig auf dem Schläger haben
  • Welche Spieler den Puck ins gegnerische Drittel bringen
  • Ob der Spieler/die Reihe es schafft / will, den Puck spielerisch ins gegnerische Drittel zu befördern statt ihn nur über die Bande tief zu spielen
  • Wenn der Puck tief gespielt wird, welche Spieler ihn zurückholen
  • Welche Spieler wie viele Schüsse pro Angriff erzeugen
  • Welche Verteidiger häufig attackiert werden
  • Wie gut Verteidiger darin sind, die blaue Linie zu verteidigen

 Zone Exits

Ähnlich wie Zone Entries werden bei Zone Exits gezählt, welche Spieler wie häufig den Puck aus dem eigenen Drittel befördern konnte und wie er das bewerkstelligt hat. In Kombination mit dem Wissen, welche Spieler zu der Zeit auf dem Eis waren, kann man herausfinden…

  • Welche Spieler für den Spielaufbau verantwortlich sind
  • Welche Spieler besonders gut im Spielaufbau sind
  • Welche Spieler häufig im eigenen Drittel hängen bleiben
  • Wie effektiv das Forechecking einer Reihe / Mannschaft ist


All das ist natürlich nicht das Ende der Fahnenstange. Aus Zone Entry/Exit-Daten lässt sich inferieren…

  • Welche gegnerischen Verteidiger man attackieren sollte/vermeiden sollte
  • Ob sich aggressives Forechecking auf den Spielaufbau des Gegners (oder bestimmter Spieler/Reihen) auswirkt
  • Oder ob dieser schnell/clever genug spielt, um einen passiveren Rückzug in die neutrale Zone zu rechtfertigen
  • Auf welche Spieler des Gegners in der Neutralen Zone besonders Acht gegeben werden sollte
  • Ob das eigene Forechecking wirkliche Auswirkungen auf das Aufbauspiel des Gegners hat
  • Ob sich manche Reihen/Spieler nicht besonders gut in das eigene System passen
  • Wie gut das Umschalten von Forechecking auf NZ Defense läuft
  • Ob man manchen Spielern in der Neutralen Zone mehr Freiheiten geben sollte (anstatt Dump’n’Chase zu verordnen)
  • Etc.

Ich will natürlich nicht behaupten, dass Trainer solche Dinge im Groben nicht auch selbst erkennen können. Nur, wenn man diese Dinge an objektiven Zahlen festmachen kann, ist es möglich, das nicht nur einzeln, sondern für das ganze Team schnell und übersichtlich beurteilen zu können. Im Zusammenspiel mit Video-Beispielen kann man hiermit sicherlich jedem Trainerstab helfen. Gleichzeitig lassen sich hieraus taktische Dinge zur Vorbereitung auf den Gegner leichter herauslesen, als jedes Mal explizit für den Gegner stundenlang Video zu studieren. Spieltheoretische Aspekte, wie z.B. ein bestimmtes Forechecking zu verordnen, weil man weiss, dass dies gegen das System, das der Gegner spielt, besonders effektiv ist, werden dadurch deutlich leichter möglich und analytisch besser belegbar.

Diese Daten können es dem Management auch erleichtern, die Leistungen des Trainerstabs genauer zu beurteilen, Marktineffizienzen zu finden und den eigenen Scouts andere besondere Eigenschaften zu vermitteln, die in Zukunft wichtig sind. Das Finden einer Schnittstelle zwischen Taktik und statistischer Analyse ist ein sehr entscheidender Schritt und die besondere Wichtigkeit der Neutralen Zone macht sie zu einem idealen Ansatzpunkt dazu.

An dieser Stelle noch etwas: Corey Sznajder ist gerade dabei, für jedes einzelne Spiel der NHL Saison Zone Entries und Exits zu zählen. Ich denke, dass ich nicht erwähnen brauche, wie fundamental grandios es ist, dass jemand so etwas ernsthaft macht. Deswegen möchte ich anmerken, dass man ihn hier bei seinem Projekt unterstützen kann.


Beispiel

Ich weiss, dass der Post jetzt schon Überlänge hat, aber der Übersichtlichkeit halber scheint es mir sinnvoll das eben diskutierte an einem simplen Beispiel zu illustrieren. Dazu hab' ich mir die Mühe gemacht, ein Spiel selbst zu tracken (bisher hab' ich nur Erfahrung im Aufzeichnen von Zone Exits gemacht und das auch nur in der NHL). Da ServusTV ihre Hockeynight-Homepage für die Sommerpause auf ihre normale Seite umleiten lassen, konnte ich mir kein Spiel aus der aktuellen Saison raussuchen. Aufm PC hatte ich noch 2 DEL-Spiele: Ein zufällig übrig gebliebenes Saisonspiel aus dem Februar 2013 und das vierte Finalspiel 2012. Wie oben in den Bildern zu erkennen hab ich mich für das Spiel Mannheim - Hamburg vom 03.02.2013 entschieden.

Ganz wichtig: Das ist ein Spiel. Alle Beobachtungen gelten für dieses eine Spiel. Wenn hier etwas besonders positives oder negatives über einen Spieler steht, bedeutet das nicht, dass das immer der Fall ist. Genau wie es Tage gibt, an denen der Puck einfach nicht ins Tor will, gibt es Tage, an dem man einfach keine guten Pässe spielt oder an dem einem einige Chancen entgehen, einen guten Spielzug zu machen, die man normalerweise wahrnimmt. Deswegen habe ich verzichtet, an jeden Satz "an diesem Abend" o.ä. dranzuhängen.

Um die Informationsmenge im Rahmen zu halten, sind hier nur die allerwichtigsten Stats aufgeführt. Puckverluste, Versuche, die den Puck zwar in die OZ/NZ bringen, bei denen der Puck aber verloren geht, etc. habe ich zwar auch notiert, sind hier aber nicht aufgeführt.

Zone Exits

  Total Exits : Gesamte # Exits;  C : Carries, Exits mit Puckbesitz (auch Pässe);  CH : Chips, Exits ohne Puckbesitz;  Erfolg : Anteil an erfolgreichen Exits;  mit Puckbesitz : Anteil an Exits mit Puckbesitz

Total Exits: Gesamte # Exits; C: Carries, Exits mit Puckbesitz (auch Pässe); CH: Chips, Exits ohne Puckbesitz; Erfolg: Anteil an erfolgreichen Exits; mit Puckbesitz: Anteil an Exits mit Puckbesitz

Zu erkennen:

  • In den Verteidigungspaaren übernehmen Sifers, Bittner und Kettemer den Grossteil der Aufbauarbeit. 
  • Überraschend negativ: Florian Kettemer. Einige Icings und viel "über die Bande und weg".
  • Überraschend positiv: Marcus Kink! In dem Spiel sehr lebhaft. Sehr stark am Spielaufbau beteiligt.
  • Allgemein sind die Stürmer etwas beteiligter als ich das von der NHL gewohnt bin. Könnte an der grösseren Eisfläche liegen, könnte eine Mannheimer Eigenschaft sein (könnte ein einmaliger Stichprobenausrutscher sein)

Zone Entries

Zu erkennen:

  Total Entries : Gesamte Anzahl Zone Entries;  C : Carry-ins, Entries mit Puckbesitz (also auch Pässe);  D : Dump-Ins, Entries ohne Puckbesitz;  Schussversuche : Schussversuche nach Entries des Spielers;  mit Puckbesitz : Anteil der Zone Entries mit Puckbesitz;  SA/Entry : Shot attempts/entry, Schussversuche pro Entry

Total Entries: Gesamte Anzahl Zone Entries; C: Carry-ins, Entries mit Puckbesitz (also auch Pässe); D: Dump-Ins, Entries ohne Puckbesitz; Schussversuche: Schussversuche nach Entries des Spielers; mit Puckbesitz: Anteil der Zone Entries mit Puckbesitz; SA/Entry: Shot attempts/entry, Schussversuche pro Entry

  • Die Reihe um Lehoux, Mauer und Plachta ist sehr positiv aufgefallen. Spielen die Scheibe nicht tief. Lehoux in zwei Situationen, in denen er einfach umgedreht hat und es nochmal versucht hat, statt wie in der Eishockeywelt üblich, wenn man kein klaffendes Loch sieht, die Scheibe in die Rundung zu spielen.
  • Ausserdem deutlich: Lehoux auf der Höhe seiner Fähigkeiten -> schick. Pro Angriff die meisten Schussversuche mit seiner Reihe.
  • Die Ullmann-Reihe hat in diesem Spiel zwar die wenigsten Schussversuche aufs Tor gebracht, waren aber sehr effektiv darin, sich Zeit in der gegnerischen Zone zu verschaffen und mit dem Puck im gegnerischen Drittel zu spielen. Vermutlich eher ein Ausreisser nach unten.
  • Wieder Marcus Kink. Sahneabend für ihn. Auffällig.
  • Arendt und Foster mit klassischer Grinder-Mentalität. Tief und hinterher.
  • Am Donnerstag habe ich darüber geschrieben, wie wenig effektive Dump'n'Chase-Hockey ist. Das bestätigt sich auch hier. Wenn Mannheim die gegnerische Zone mit Puckbesitz betritt, entstehen aus dem Angriff 1.08 Schussversuche, spielt Mannheim die Scheibe tief, sind es lediglich 0.40 Schussversuche.

Das nur als kurze Gedanken dazu. Die Art und Weise, wie ich dieses Spiel getrackt habe, war auch nicht übermässig ausgiebig. Dinge wie den defensiven Aspekt des Verhaltens an den blauen Linien lassen sich sehr leicht in die Aufzeichnung mit aufnehmen. Es sollte nicht schwer vorstellbar sein, was man mit langfristigen Daten dieser Art alles anstellen könnte...