Corsi für Coaches - Bullys

Gestern ging es um die Möglichkeiten herauszufinden, „woher Puckbesitz kommt“, indem man genau betrachtet, was passiert, wenn der Puck in und aus der Neutralen Zone kommt. Heute möchte ich einen anderen Versuch ansprechen, eine Schnittstelle zwischen Taktik und Statistik zu finden. Nach allem, was ich bisher gelesen habe, stammt die Idee dazu von Tyler Dellow (dessen Blog immer lesenswert ist).

Sein Ansatz dazu ist, das Spiel in 7 unterschiedliche Zustände aufzuteilen. Die sechs möglichen Zustände nach einem Bully:

  • Nach einem verlorenen Bully im eigenen Drittel
  • Nach einem gewonnenen Bully im eigenen Drittel
  • Nach einem verlorenen Bully in der Neutralen Zone
  • Nach einem gewonnenen Bully in der Neutralen Zone
  • Nach einem verlorenen Bully im gegnerischen Drittel
  • Nach einem gewonnenen Bully im gegnerischen Drittel

Und ein zusätzlicher Zustand

  • Offenes Spiel

Der Zustand „Offenes Spiel“ unterscheidet sich von den anderen Zuständen zeitlich. Der Grund dafür ist, dass ein Bully einen gewissen Einfluss auf den Puckbesitz/das Torverhältnis hat.
Intuitiv sollte verständlich sein, dass das Offensivteam bei einem Bully im gegnerischen Drittel in den ersten paar Sekunden nach dem Bully wohl einen deutlich grösseren Anteil an Schussversuchen haben sollte als das Defensivteam. Genau so ist es nur logisch, dass ein gewonnenes Bully einem einen deutlich höheren Schussanteil verschafft, als ein verlorenes. Oder dass der Vorteil durch ein gewonnenes Bully in der Offensiven Zone grösser ausfällt als der durch ein gewonnenes Bully in der neutralen Zone oder der Defensiven Zone.

Somit kann man messen, wie lange der Effekt eines bestimmten Bullys anhält, indem man überprüft, wie lange es dauert, bis das Schussverhältnis im Schnitt wieder ausgeglichen ist. Dabei hat er folgendes festgestellt:
(Nebenbei, ab jetzt gilt DZ = Defensivdrittel, NZ = Neutrale Zone, OZ = Offensivdrittel)

  • nach einem Bullyverlust in der DZ gibt es einen negativen Effekt, der 37 Sekunden anhält.
  • nach einem Bullygewinn in der OZ gibt es einen positiven Effekt, der 37 Sekunden anhält (des einen DZ-Verlust ist des anderen OZ-Gewinn...)
  • Nach einem Bullygewinn in der DZ (und entsprechend einem Verlust in der OZ) hält der Effekt 21 Sekunden an.
  • Nach einem Bully in der NZ hält der Effekt 29 Sekunden an (natürlich für Verlust und Gewinn gleich).

Ist die jeweilige Zeit also vergangen, kann man von "offenem Spiel" sprechen. Der Effekt, den Position und Ausgang des vergangenen Bullys hatten, ist aller Wahrscheinlichkeit nach verschwunden.

Diese Aufteilung des Spiels ermöglicht einem einerseits Effekte der Verwendung nicht beachten zu müssen, indem man nur "Offenes Spiel" betrachtet. (manche Spieler werden vom Trainer deutlich häufiger bei Bullys im eigenen Drittel als in der Offensivzone eingesetzt. Das wirkt sich natürlich negativ auf ihre Leistung aus, sowohl auf ihre Offensive als auch auf ihren Puckbesitz.)

Andererseits kann man genau untersuchen, was nach Bullys passiert. Die Aufstellung bei Bullys und die Aufgaben der Spieler unmittelbar danach sind taktisch meist recht genau festgelegt. Misst man nun die Schussversuche in den jeweiligen Situationen kann man erkennen, ob sich hier schon einige Vor-/Nachteile der Taktik finden lassen. Das lässt sich ideal mit Videomaterial verbinden, an dem sich etwaige gefundene Trends dann auch schnell anschaulich darstellen lassen. Wie bei Zone Entries/Exits betrachtet man hier natürlich auch nur einen kleinen Teil des Spiels, aber wenn man eine systematische "Fehlersuche" betreiben will, ist das ein ebenso vernünftiger Ansatzpunkt. So lässt sich von einem grossen Problem ("Wir haben den Puck zu wenig") auf deutlich kleinere Probleme schliessen ("Nach Bullies im eigenen Drittel läuft eigentlich alles gut, aber wenn wir ein Bully in der Offensivzone verlieren sind wir unterdurchschnittlich schlecht. --> Video").

Ein wirklich grandioses Beispiel (beim Lesen des Artikels musste ich mir mehrmals selbst die Kinnlade wieder hochschieben) hat Tyler selbst entdeckt. Das möchte ich nicht vorenthalten. Auch wenn ich eine vernünftige Portion Selbstbewusstsein habe, was meine Fähigkeit betrifft, die Kernaussagen des Artikels wiederzugeben, würde ich dennoch jedem, den derartige Analyse interessiert, empfehlen, den vollen Artikel und das Follow-Up dazu zu lesen. Es ist die Zeit wirklich wert.

 

Die Top-Center der Oilers 2013/14 und Bullys im Offensivdrittel

Was er beobachtete, war, dass:

  • die Oilers 2013/14 ca. nach dem 7. Dezember einen deutlich geringeren Anteil an Schussversuchen nach Bullys im Offensivdrittel hatten (vor 07.12.: 66.2%, nach 07.12.: 57.0%) (Punkt 1)
  • sowohl Sam Gagner als auch Ryan Nugent-Hopkins ihre Bullyquote (also Anteil gewonnener Bullys) bei OZ-Bullys ab diesem Zeitpunkt deutlich verbesserten (vor 07.12.: 38.2%, nach 07.12.: 49.3%) (2)
  • die Bullyquote der restlichen Mannschaft quasi unverändert blieb (vor 07.12.: 49.0%, nach 07.12.: 48.9%)

Bei genauerer Betrachtung der Daten fiel auf, dass

  • Der Puckbesitzanteil der Oilers bei Bullyverlusten in der OZ sich deutlich verschlechterte (vor 07.12.: Corsi nach Bullyverlust in OZ: 57.1%, nach 07.12.: 40.8%) (3)
  • Der Puckbesitzanteil der Oilers mit Nugent-Hopkins (vorher: 66.3%, nachher 55.3%) und Gagner (vorher: 72.3%, nachher: 54.8%) nach OZ-Bullys insgesamt (also Bullygewinne und -verluste) sich verschlechterte, während er bei Andrew Gordon recht konstant blieb (vorher: 68.5%, nachher 65.4%) (4)

Was hatte sich verändert?

Was sich änderte, war, dass die Oilers ihren beiden Top-Centern mehr Unterstützung beim Bully gaben (Andrew Gordon ist ein sehr fähiger Bullyspieler, daher änderte sich für ihn nichts und seine Puckbesitzzahlen nach Bullys blieben konstant). Also häufiger nach Einwurf ein zusätzlicher Stürmer zum Bullypunkt fuhr um dem Center dabei zu helfen, das Bully zu gewinnen.
Der Gedanke dahinter war, dass mehr gewonnene Bullys zu mehr wertvoller Zeit im gegnerischen Drittel führen sollten, was soweit natürlich sehr sinnvoll ist.

Die Art und Weise, auf die die Stürmer ihre Center bei Bullys unterstützten, sorgte allerdings nicht nur für eine höhere Erfolgsquote am Bullypunkt (Punkt 2), sondern auch dafür, dass, wenn denn ein Bully verloren ging, dem Gegner das Aufbauspiel deutlich erleichtert wurde (Erklärung für Punkt 3).
Dieser Effekt war leider so stark , dass sich, wenn man beide Dinge zusammenrechnet, am Ende insgesamt ein schlechteres Schussversuchsverhältnis einstellte, als vorher (Erklärung Punkt 1).

Somit wurde hier seitens der Oilers wohl ein kleiner aber feiner Fehler in der Rechnung begangen. Es wurde versucht, den Puckbesitzanteil zu verbessern, indem man mehr Bullys gewinnt. Es wurden zwar mehr Bullys gewonnen, aber der Effekt, den die taktische Umstellung auf die Resultate nach Bullyverlusten hatte, konnte durch die verringerte Anzahl der Verluste nicht abgefangen werden, sodass das ganze insgesamt einen negativen Effekt hatte. (Unprofessionelle Anmerkung: Wie verdammt nochmal cool ist das bitte???)

 

Beispiel

Diese Art der Analyse ist wesentlich stärker von Stichproben abhängig. Ein vernünftiges eigenes Beispiel zusammenstellen bedarf enormer Zeit und sehr vieler Spiele. Daher belasse ich es hier dabei, auf Tyler's Beispiel zu verweisen. Um aber nicht ganz ohne Eigenleistung dazustehen, ist hier etwas, was mir beim Gucken des Spiels Mannheim - Hamburg vom 03.02.2013 (siehe meinen Artikel zu Zone Entries/Exits) aufgefallen ist. Die etwas chaotische Natur des Eishockeys macht es mir beim normalen Betrachten eines Spiels enorm schwer, taktische Feinheiten zu entdecken. (ich vermute mal, ich stehe damit nicht alleine)

Ich muss aber zugeben, wenn man Dinge wie Bullys mal wirklich isoliert vom Rest des Spiels betrachtet, können selbst einem ungeübten Auge wie meinem ein paar taktische Dinge recht schnell auffallen (wie bei Zone Entries/Exits eigentlich auch).
Worauf ich mich konzentriert habe: Was passiert, wenn Mannheim ein Bully im Offensivdrittel verlor. (Anm. Das war in diesem Spiel nicht sehr häufig, ich habe 8 Mal gezählt. Bei 3 von diesen 8 hat sich ServusTV aber "geweigert", das Bully anständig zu zeigen -stattdessen waren Harold Kreis, Yanick Lehoux auf der Bank und David Wolf in Grossansicht zu sehen. Soweit ich das beurteilen konnte, war die Taktik hier auch vorhanden, aber aufgrund des fortgeschrittenen Spielverlaufs in einem Screenshot nicht mehr vernünftig darstellbar. Daher sind es leider nur 5 Screenshots mit einigermassen vorhandener Aussagekraft geworden. Wie gesagt, sowas sollte man bevorzugt mit mehreren Spielen Videomaterial machen... :D)

Was hier zu beobachten ist, ist dass bei einem verlorenen Bully der Flügel an der Bande (F2) dem Verteidiger hinters Tor hinterher geht, um ihn zu stören, während der Flügel auf der "Innenseite" (F1) Richtung andere Bande läuft, um zu versuchen den Pass über die Bande oder allgemein den Weg auf der linken Seite wegzunehmen. Der Center (C) ist im Normalfall der "hohe Mann", der sich zurückzieht. Gleichzeitig ist er aber auch in Position bei einem End-Around (also wenn der Hamburger hinterm Tor umdreht und den Puck Richtung andere Seite spielt), aggressiv anzugehen, während der Flügel auf der Innenseite (F1) dann seinen Platz als hohen Mann einnimmt.
Natürlich kann ich mir nicht 100%ig sicher sein, ob das nur eine einmalige Beobachtung ist, aber es stimmt mich eigentlich recht zuversichtlich, dass sich solche Taktiken sogar mit recht simpler Videostudie identifizieren lassen. Wenn ServusTV seine Seite wieder öffnet, sodass man Spiele der letzten Saison gucken kann (hoffe ich doch sehr), werde ich mir auch sicherlich mal ein Projekt in der Art raussuchen.

Zusammenfassung

Das waren nur zwei Arten statistischer Analyse, die einem Eishockeyclub nicht nur auf Managementebene helfen können. Dazu gehören auch keine komplexen Regressionsanalysen oder sonstiges, sondern das sind datengetriebene Einsichten in Leistungen und Taktik, die dazu noch verhältnismässig leicht zu beschaffen sind.
Wie bereits bei Zone Entries/Exits erwähnt: Ich will nicht behaupten, dass solche Dinge Trainern nicht auch beim Studium der Spielvideos auffallen können. Wenn man dies aber im grossen Stil macht und vernünftig statistisch erfasst, ergeben sich hier zahlreiche Möglichkeiten die taktischen Einsichten nicht nur in die eigene Spielweise, sondern auch in die Taktiken des Gegners zu beschleunigen und verbessern.

Bei gegebenem Zusammenspiel/Kooperationsbereitschaft lassen sich solche Einsichten von beiden Seiten aus ergeben. Sprich, Trainer können etwas im Spiel sehen und dazu Daten anfordern oder man kann Dinge in den Daten finden und im Video zusammen mit dem Trainerstab nach einer taktischen Erklärung/Verbesserung/etc. dafür suchen. Darüber hinaus geben sie einem auch die Möglichkeit, taktische Änderungen des Trainerstabs nicht nur anhand von Siegen und Niederlagen zu beurteilen.

Für ein Unternehmen, das in Personalentscheidungen regelmässig sechsstellige Beträge ausgibt, sollte es wahrscheinlich durchaus lohnenswert sein, dazu nen Praktikanten für ein paar Freikarten vor nen Bildschirm zu setzen, der mal 52 Spiele durchgeht.