Über Eishockeykultur

Da ich mich häufiger über einzelne Aspekte der Eishockeykultur beschwere, möchte ich hier mal gezielt auf einige dieser Aspekte eingehen und meine Meinung in etwas mehr als 140 Zeichen klar machen.

 

"Clutch"

Auf deutsch: Spitzenleistungen in wichtigen Momenten.

Ein wunderbarer Begriff. Wenn es darum geht, eine Aktion zu beschreiben. Es gibt Aktionen (Saves, Tore), die unabstreitbar "clutch" sind. Jeder kann hier spontan sicherlich einige nennen. Ob das jetzt Nathan Oystricks Spiel 6-OT-Winner oder Sidney Crosby's OT-Winner zu Olympia-Gold 2010 ist (meiner? Alex Burrows' OT Winner in Spiel 7 gegen Chicago 2011). Für diese Momente guckt man Eishockey (oder Profi-Sport allgemein).

Das Problem kommt auf, wenn der Begriff nicht beschreibend, sondern vorhersagend verwendet wird. Also nicht "Oha, das war aber ne richtig starke Aktion in nem entscheidenden Moment", sondern "Der dreht immer auf, wenn's wichtig ist". Oder die wesentlich häufigere Variante "In den entscheidenden Momenten kann der/können die's einfach nicht". Das mutiert dann zu gerne Dingen wie dem "Sieger-Gen" o. ä. aus.

Sämtliche Untersuchungen in diese Richtung zeigen, dass keine Spieler oder Mannschaften in solchen Situationen auf Dauer wirklich besser sind als andere. Der Grund dafür, dass Michael Wolf mehr Gamewinner schiesst als Collin Danielsmeier ist einfach, dass Michael Wolf in den entscheidenden Situationen häufiger auf dem Eis ist. Und dass Michael Wolf schlichtweg mehr Tore schiesst.

Hier wird setzt dann häufig auch der Confirmation Bias ein. Denn, wenn Christoph Gawlik den Sieg gegen Köln erzwungen hat (Beispiel), warum hat er das nicht schon in Spiel 6 gemacht? Oder Spiel 1? 

Leider ist das „Siegergen“ eine akzeptable Erklärung dafür, warum eine Mannschaft ein Spiel gewonnen hat. Die bessere Mannschaft gewinnt eben nicht immer. Dafür muss man eigentlich nicht verzweifelt nach einem Grund suchen.


Toughness (ohne Fights)

Auf Deutsch: Härte, Zähigkeit

Meiner Meinung nach eine Spielereigenschaft, der im Eishockey ein viel zu hoher Wert zugesprochen wird. Ein beliebter Ausdruck in Foren und Pressekonferenzen. Wer will schon nicht härter spielen?

Was dabei häufig verloren geht ist der Kontext. Das Ziel im Eishockey sollte es ja sein, mehr Tore als der Gegner zu schiessen. Braucht man dazu zwingend Härte? Alleinstehend ist Härte genauso nutzlos wie Geschwindigkeit. Es gibt Spieler, die ihre Härte vorteilhaft dazu einsetzen können, den Gegner zu besiegen und Spieler, die einfach nur harte Checks setzen können. Das ist dann meiner Ansicht nach nicht mehr oder weniger lobenswert, als wenn jemand einfach nur schnell auf den Schlittschuhen ist. 

Das Problem ist, dass es etwas schwerer ist, zu bemerken, wann Härte nutzlos ist, als wann jemand seine Geschwindigkeit nicht vernünftig einsetzen kann. Der gemeine Eishockeyfan misst Härte normalerweise an Checks. Das Problem ist, dass ein Spieler, der einen anderen Eishockeyspieler checkt, den Regeln entsprechend nicht den Puck haben kann. Ein Spieler, der sehr viele Checks setzt, ist also häufig nicht in Scheibenbesitz. Die Tatsache, dass er Checks setzt, hilft seinem Team aber nur sehr marginal dabei, das Spiel zu gewinnen.  Ein gutes Gegenbeispiel sind für mich persönlich die Sedin-Zwillinge. Diese werden generell als sehr weiche Spieler bezeichnet. Wenn man allerdings genauer hinschaut, sieht man, wie viele Crosschecks in den Rücken die beiden beim Cycling in den Ecken des gegnerischen Drittels wirklich abbekommen. Die Tatsache, dass sie die abbekommen und weiter in Scheibenbesitz bleiben und den Gegner unter Druck setzen, bringt mir persönlich mehr, als wenn Tom Sestito einen Verteidiger umhaut, nachdem der die Scheibe schon weitergespielt hat.

Der ästhetische Aspekt ist für mich hier zweitrangig. Jeder Fan kann natürlich sagen, er schaut lieber einer Mannschaft aus Brechern zu, die es krachen lassen. Das ist jedermanns Recht. Nur zu behaupten, dass es notwendig ist, so zu spielen, um erfolgreich zu sein, ist meiner Meinung nach falsch.

Addendum: "Stay-At-Home-Defensemen"

Ein besonders auffälliger Fall dieser Fehleinschätzung passiert in der Verteidigung. Hier werden grosse, harte Verteidiger sehr stark bevorzugt. Douglas "Hat sein NHL-Niveau im Jahr 2010 vergessen" Murray wird immer noch von einem NHL-Team bezahlt, um auf dem Eis zu stehen. Weil man sieht, wie er vor dem Tor aufräumt.

Im Gegensatz dazu steht der kleine (gerne auch "weiche") Offensivverteidiger, der immer den Puck vertändelt.
Was sich Fans hier häufiger fragen sollten: Warum sehe ich den Stay-At-Home-Verteidiger so häufig vorm eigenen Tor aufräumen? Vielleicht, weil er die neutrale Zone nicht gut verteidigt und dem Gegner so mehr Gelegenheit gibt, im eigenen Drittel zu spielen? Oder weil er Schwächen im Spielaufbau hat?

Oder: Sehe ich vielleicht häufiger das Vertändeln der Scheibe beim Offensivverteidiger, weil meine Mannschaft dann häufiger den Puck hat? Übersehe ich vielleicht den Wert, den seine riskantere Spielweise bringt, weil mir nur die Fehler im Kopf bleiben?

Leseempfehlung: Habs bought into a myth when they dealt Diaz 


Playing the right way / Dump and Chase

Deutsch: "Auf die richtige Art und Weise spielen"

Auf Deutsch: "Auf die richtige Art und Weise spielen"
Man könnte hier theoretisch auch "richtige" mit "kanadische" ersetzen. Was das hauptsächlich beinhaltet, ist, die Scheibe tief spielen, Checks zu Ende fahren, vorm eigenen Tor aufräumen, etc.

Ich möchte mich hauptsächlich mit Dump'n'Chase auseinandersetzen. Die Dinge zur Effektivität der Strategie, die ich hier anspreche, können in diesem Paper von Eric Tulsky nachgelesen werden.
Die Risikoaversion, die im Eishockey exisitiert, ist teilweise frustrierend. Das fängt beim Herausnehmen des Torhüters an und zeigt sich am Deutlichsten, was das Verhalten in der neutralen Zone angeht.
Dump and Chase ist schlichtweg keine profitable Eishockey-Strategie. Die Scheibe tief zu spielen (ausser, wenn man wechseln will), bringt einem pro Angriff in der NHL ca. halb so viele Schüsse aufs gegnerische Tor, wie wenn man mit der Scheibe ins gegnerische Drittel fährt. Die defensiven Konsequenzen des niedrigeren Risikos beim Dump-In sind ebenfalls vernachlässigbar. Im darauffolgenden Angriff des Gegners ist es nahezu egal, ob davor ein fehlerhafter Versuch war, mit Puckbesitz ins gegnerische Drittel zu fahren oder ein erfolgreicher Dump-In.

Das soll natürlich nicht heissen, dass Spieler alleine gegen drei Gegner anfahren sollen. Aber eine generelle Orientierung dahin, den Puck so selten wie möglich tief zu spielen, bringt durchaus Vorteile. Die Portland Winterhawks zum Beispiel haben diese Strategie mannschaftsweit verinnerlicht, bisher höchst erfolgreich.

Kyle Dubas, General Manager der Soo Greyhounds (OHL) und bekannt dafür, dass er sich analytischen Einsichten gegenüber nicht verschliesst, hat darüber letztens in einem Radio-Interview gesprochen und seinen Aussagen kann ich nur zustimmmen:

"Es gibt nichts, was mich oder den Rest unseres Stabs mehr schaudern lässt als wenn wir uns u16-Spiele angucken und hören müssen, wie Trainer und Eltern aufs Eis rufen, dass der Puck übers Glass raus muss oder tief gespielt werden soll. Der Hauptgrund dafür ist, dass wir das diesen Spielern, wenn sie irgendwann bei uns spielen, wieder austreiben müssen. Häufig haben diese Spieler das dann schon 10 Jahre lang gehört, das macht das besonders schwer.
Ich denke jeder Eishockeyspieler will von Natur aus den Puck auf dem Schläger haben. Ich und Sheldon (Sheldon Keefe, Head Coach der Greyhounds) sagen unseren Spielern, dass wir nicht sauer werden, wenn sie was ausprobieren und der Puck geht verloren. Das will jeder Spieler im Eishockey, wenn er denn die Erlaubnis vom Trainerstab dazu hat.
Wenn die Trainer ihnen Erfolge aus der NHL oder von uns selbst zeigen können, die zeigen, dass wir Schüsse und Chancen generieren, sind sie auch eher bereit, das so aufzunehmen und umzusetzen. ..."

Alleine, wie häufig Rick Goldmann bei den Übertragungen zur Eishockey-WM aus Minsk die deutschen Spieler dafür gelobt hat, die Scheibe tief zu spielen, zeigt, wie stark diese risikoscheue "richtige" Art zu spielen im Eishockey verankert ist. Ich würde die deutsche Offensivschwäche zwar nicht nur darauf schieben, aber hilfreich ist diese Strategie, die offensichtlich verordnet ist, nicht. Die Tatsache, dass Deutschland nicht die talentiertesten Spieler hat, sollte nicht bedeuten, dass man den Puck freiwillig dem Gegner überlassen sollte.

Von den spieltheoretischen Vorzügen ganz abgesehen, ist Dump'n'Chase auch keine sonderlich attraktive Strategie. Unterhaltsames Eishockey geht anders, das gilt nicht nur für Deutschland.