Zielsetzungen

Vor jeder Saison werden Ziele ausgegeben. Vom Management, den Trainern, den Spielern. Doch die Ziele, die gesetzt werden, haben meist einen meiner Meinung nach schwammigen Inhalt. "Wir wollen ganz vorne mitspielen.", "Wir wollen Heimrecht", "Wir wollen die direkte Qualifikation schaffen", "Wir wollen in die Playoffs und in den Playoffs ist alles möglich". Zugegeben, manche von denen sind konkreter als andere. Das hat natürlich seinen guten Grund. Die Herren sind schliesslich in einer Position, in der die Enttäuschung der Fans eine Gefahr für ihren Job darstellt. Doch was ist mit dem Rest. Den Fans, den "Experten" und den Experten? 
Die könnten ja durchaus etwas genauer sein, was ihre Vorhersagen oder Zielsetzungen angeht. Sind sie meistens auch. Da findet man getippte Endtabellen oder Zielausgaben von wegen man "müsse zumindest mal ins Halbfinale kommen". Was man hingegen so gut wie nie sieht, ist ein Angabe der Saisonziele in Punkten. Auch nicht von Leuten, die nichts dabei zu verlieren haben, solche Aussagen zu tätigen.
Der Grund dafür, dass ich mehr Zielsetzungen in Punkten erwarten würde, ist folgender:

Milchmädchenrechnung

Nehmen wir zuerst einmal an, dass ein Team in jedem Spiel 50% des Endresultats beeinflusst. Die anderen 50% stellt das andere Team (Dinge wie Schiedsrichter oder Zufall ignorieren wir mal). Das bedeutet also, dass ein Team auf die Punktzahl, die es am Ende der Saison hat, 50% Einfluss hat. Die anderen 50% kommen von den restlichen 13 Teams der DEL.
Das bedeutet natürlich auch, dass jedes DEL-Team  1/13 von 50% - gerundet 4% - Einfluss auf die Endpunktzahl eines beliebigen anderen Teams in der DEL hat.

Um die Endtabelle richtig einordnen zu können, braucht man also eine genauere Kenntnis der gesamten Liga als eine reine Einschätzung eines einzelnen Teams. Das Ziel "Wir wollen am Ende der Saison auf Platz 4 stehen" ist also merklich schwerer zu realisieren, bzw es setzt ein deutlich grösseres Wissen über den Rest der Liga voraus als die Zielsetzung "Wir wollen ungefähr 90 Punkte holen".

Das gilt natürlich vor allem auch für die Leute, die für das Team verantwortlich sind. Die Qualität des Teams, das man zusammenstellt, ist schliesslich ein absoluter und kein ordinaler Wert. Sprich, im Abstrakten haben Teams eine gewisse Qualität die einer fixen Zahl auf einer Skala entspricht und nicht einem Platz in einer Anordnung. Ungefähr wie in den EA Sports NHL-Spielen. Teams bekommen so und soviele Sterne und diese Sterne sind nicht davon abhängig, wie viele andere Teams, die gleich gut sind, auch in der NHL spielen. (Das merkt man besonders, wenn man mal etwas länger Be A GM spielt, mit der Zeit werden alle Teams nämlich besser- aber ich schweife vom Wesentlichen ab...) 
Eine immer gleich zusammengestellte Mannschaft könnte in der DEL in einem Jahr das viertbeste Team sein und in einer anderen das sechstbeste, obwohl die Mannschaft genau gleich stark ist. Zum Beispiel: Die Kölner Haie waren 2013/14 das beste Team der DEL (meiner und der #fancystats' Meinung nach zumindest). Aber wenn man dieses Team magisch in die Saison 2011/12 verpflanzt, wäre es vielleicht nur das drittbeste Team der DEL (rein zur Illustration).

Und was die Stärke der Mannschaft im Absoluten angeht, ist die Punktzahl eben ein besseres Mass als die Platzierung in der Tabelle.
Am besten lässt sich das sicherlich an den Extremen zeigen:

Was die Platzierung angeht, sind die Augsburger Panther 2010/11 mit den Füchsen Duisburg 2006/07 oder der DEG 2013/14 gleichzusetzen. Alle drei Teams belegten den 14. Platz in einer DEL mit 14 Teams. Die Panther holten allerdings 63 Punkte. Duisburg 35 und die DEG 41. Ich würde die Panther der Saison 2010/11 eher mit der Straubinger Mannschaft der letzten Saison (66 Punkte, 12.) vergleichen, als mit den beiden DEL2-Teams Rhein-Mannschaften.

Punkte vs Tabellenplatz

So, nach all dem Geschreibe darüber, warum Punkte besser sind als die Platzierung in der Tabelle, schauen wir uns doch einmal an, wie die beiden Dinge zusammenhängen. Dazu habe ich mir mal die Tabellen der DEL-Saisons mit 52 Spielen und dem aktuellen Playoff-System herausgesucht:

Um das einfache mal aus dem Weg zu bekommen: Mehr Punkte bedeuten im Normalfall natürlich auch einen besseren Tabellenplatz. Aber man sieht auch, dass vor allem in der Mitte der Tabelle die Punktzahlen stark schwanken. Die 80 Punkte der Augsburger Panther 2008/09 brachten ihnen einen 10. Platz, während sich die Hannover Scorpions 2010/11 mit 81 Punkten auf Platz 5 wiederfanden. Die benötigte Punktzahl, einen bestimmten Platz zu erreichen, schwanken offensichtlich recht ordentlich. Also schauen wir uns doch einmal an, wie wahrscheinlich man ein bestimmtes Ziel mit einer bestimmten Punktzahl erreichen kann:

Beispiel: Mit 64 Punkten hat man eine 10%ige Chance, die Pre-Playoffs zu erreichen und ab 80 Punkten hätte man in bisher jeder Saison mindestens die Pre-Playoffs erreicht und in 40% der Fälle sogar die direkte Qualifikation für die Playoffs geschafft.

Fazit

Benötigte Midestpunktzahl um oben formuliertes Ziel mit links angegebener Wahrscheinlichkeit zu erreichen

Um es kurz zu fassen: Selbst bevor wir auf Dinge wie PDO eingehen, sind nicht alle Teams, die auf dem gleichen Tabellenplatz landen, gleich stark. Die Verhältnisse innerhalb der Liga verändern sich und daran kann ein einziges Team nur wenig ändern. Daher sollten selbst grobe Ziele und Beurteilungen der erreichten Leistungen immer mit den Punkten und nicht mit der Platzierung ansetzen. Wenn Jiri Ehrenbergers 2014/15er Version des ERC Ingolstadt so weiterspielt wie bisher (was ich anzweifle, aber das tut nichts zur Sache), sollte sie 102 Punkte erreichen. Das reicht in rund der Hälfte aller Saisons für uneingeschränktes Heimrecht im Frühling. Der Jiri kann nix dafür, dass München und Mannheim aktuell nördlich von 115 Punkten erreichen würden...