Lose Gedanken: Überlegungen zur Kaderstruktur

Ich habe in letzter Zeit immer mal wieder über ein paar Dinge nachgedacht, die nicht unbedingt auf die üblichen, hier angesprochenen Themen passen. Von daher ist der folgende Artikel eher ein bisschen innerer Monolog, als dass er dem üblichen "klobige Einleitung - Daten - Fazit" - Format folgt. (Keine Angst, die Einleitung ist natürlich trotzdem in gewohnter Manier unbeholfen tollpatschig.)

Bretton Stamler, Alexandre Picard, Greg Moore, Ryan Jones, Shawn Belle, die Liste der Nachverpflichtungen, die während der Saison getätigt werden, fällt auch in diesem Jahr recht gross aus. All diese Spieler wurden in der Hoffnung verpflichtet, das Punktekonto ihres Vereins irgendwie zu verbessern. Doch ob diese Investitionen sich auch rentieren, ist eine komplizierte Frage. Wie viel Einfluss ein einzelner Feldspieler haben kann, ist im Eishockey immer noch umstritten, aber darum soll es heute (leider) nicht gehen. Um über das heutige Thema philosophieren zu können, reicht folgende Annahme:
Ein Spieler hat einen gewissen Einfluss, der, wenn wir denn alles im Eishockey verstehen und messen könnten, in Punkten oder Toren angebbar ist. Man kann also zum Beispiel annehmen, dass die aktuelle Ausgabe der Adler Mannheim eine bestimmte Anzahl Punkte mehr holen würde, wenn ich ihnen einen perfekten Richie Regehr-Klon in den Kader stellen würde. (Über Dinge wie Teamstimmung und -zusammenhalt zu diskutieren, halte ich bei so einem abstrakten Beispiel für unnötig, unabhängig davon, wie viel Einfluss ich dem ganzen zusprechen würde)

Auch wenn es wohl aktuell kaum möglich ist, eine gute, alles umfassende Spielerwertung zu entwickeln, glaube ich dennoch, dass Manager eigentlich auch so über ihre Spieler nachdenken sollten. WAR (Wins Above Replacement, also die Anzahl Siege, die einem ein Spieler mehr einbringt, als wenn man ihn durch einen jederzeit verfügbaren Ersatzspieler ersetzt) im Baseball ist auch keine perfekte Statistik. Zur korrekten Einordnung eines Spielers gehört weitaus mehr Detail (auch in nicht-zahlenform). Aber es hilft einem dabei, Spieler grob nach ihrem ungefähren Wert einzuordnen.
Selbst wenn wir aktuell im Eishockey noch davon entfernt sind, eine Statistik zu bekommen, die ähnlich genau wie WAR im Baseball ist, sollten Manager meiner Meinung nach rein aus wirtschaftlicher Sicht in diese Richtung denken. Also bei der Verpflichtung eines Spielers sich die Frage stellen "Wie sehr profitiert mein Team davon, diesen Spieler zu haben, im Vergleich mit einem jederzeit günstig zur Verfügung stehenden Ersatz (im Normalfall ein DNL-Spieler)?" mit anderen Worten: Wenn ich den Spieler verpflichte, wie viel Punkte (oder Tore) erwarte ich mehr zu holen, als wenn ich ihn nicht verpflichte?

Das ist natürlich keineswegs eine triviale Frage, aber wenn es darum geht, die wirtschaftliche Vernunft hinter der Verpflichtung zu beurteilen, führt daran kein Weg vorbei. Denn nicht alle Punkte sind gleich viel Wert.
Es stimmt natürlich, dass einem für einen Sieg im Penaltyschiessen immer 2 Punkte gutgeschrieben werden, egal ob das Spiel im Oktober oder im Februar ist. Aber wenn es um die Endplatzierung geht, sind zusätzliche Punkte nicht gleich viel wert. Ein Beispiel:
Setzen die Schwenninger ihre aktuellen Leistungen genau so fort, sollten sie zum Ende der Saison ca. 49 Punkte erreichen. Im Gegensatz zu den Straubingern haben die Wild Wings diese Saison nicht mal wirklich extremes Scheibenpech (98,8% PDO ist zwar nicht unbedingt glücklich, aber auch kein dramatisches Pech). Korrigiert man für den PDO-Wert, kommt man auf 51. Also nehmen wir einfach mal an, in der aktuellen Konstellation ist das das wahre Talent der 14/15er Wild Wings.
Jetzt stellt sich die Frage nach Nachverpflichtungen. Sollten die Wild Wings diese Saison noch jemanden nachverpflichten oder nicht? Meine Meinung hierzu ist recht eindeutig: Nein. Denn, ich glaube kaum, dass ein einzelner Spieler (oder zwei), die Wild Wings für den Rest der Saison um 20 Punkte verbessern kann. Diese 20 Punkte sind nicht einfach aus der Luft gegriffen, sondern es ist die Differenz zwischen der erwarteten Punktzahl der Schwenninger - 51 - und der Punktzahl, mit der ca. 50% der Teams die Pre-Playoffs erreichen - 71. 

Mit anderen Worten: Rein sportlich gesehen macht es wenig Sinn, seiner Mannschaft von 52 auf 60 Punkte zu verbessern, denn mit 60 Punkten  hat bisher noch niemand die Pre-Playoffs erreicht.  Arbeitet man beispielsweise mit einem Etat von 3 Mio. € und hat zu diesem Zeitpunkt noch 150.000€ übrig, macht es sportlich meiner Meinung nach keinen Sinn, dieses Geld in die aktuelle Saison zu stecken. Im Gegenteil, das Geld ist in der neuen Saison wahrscheinlich wesentlich besser investiert.

Laufendes Budget

Da hier jemand schreibt, der entschieden wenig bis gar nichts mit Betriebswirtschaftslehre zu tun hat, ist der folgende Abschnitt mit etwas Vorsicht zu geniessen. Die Idee habe ich zwar schon von einigen Sportjournalisten gehört, sie sollte also nicht völlig unrealistisch sein, wie leicht oder schwer das aber in Realität umzusetzen ist, kann ich nicht beurteilen.

Mit einem laufenden Budget - mehrjähriges Budget passt vielleicht besser - meine ich, dass der sportlichen Seite von der wirtschaftlichen Seite etwas mehr Freiraum gegeben wird. Im Profisport wird meist ein jährliches Budget angegeben, das man für den Kader und den Trainerstab, etc. ausgeben kann. Die sportliche Leitung bekommt eine Zahl (die unter gewissen Umständen vielleicht auch noch vergrössert werden kann) und mit diesem Geld muss sie zurechtkommen. Was ich vorschlagen würde, wäre folgendes:
Der sportlichen Leitung ein mehrjähriges Budget geben und ihm mit der Verteilung dieser Gelder einen gewissen Freiraum lassen. Also, statt ihnen vorzugeben: 2014/15: 3 Mio. € / 2015/16: 3 Mio. € / 2016/17: 3 Mio. € etwas mehr Freiraum lassen, indem man vorgibt: Nächste 3 Saisons 9 Mio. €  (oder 8.7 Mio. € oder 8.5 Mio. €, als Nicht-BWLer weiss ich nicht, wie konservativ ein Eishockeyclub drei Jahre im Voraus rechnen muss).

Damit lässt sich verhindern, dass Manager dazu "gezwungen" werden, jedes Jahr Spieler zu verpflichten, die vielleicht nur ihre zweite, dritte oder fünfte Wahl sind. Hat ein Manager beispielsweise 2.5 Mio ausgegeben und hält von den restlichen, ihm verfügbaren Spielermaterial wenig, kann er es sich so erlauben, den Rest im nächsten Jahr auszugeben und dann vielleicht einem Wunschspieler etwas mehr zahlen, um ihn zu bekommen und den Kader dann im nächsten Jahr umso stärker machen. Das Ganze ist natürlich vor allem bei Teams in der unteren Tabellenhälfte sinnvoll. Selbst wenn man in die Pre-Playoffs als 9. kommt, ist es dennoch nicht sehr wahrscheinlich, dass man dadurch sehr viel erreicht. Rechnet sich die Chance auf erwartete Einnahmen aus den x Playoffspielen gegen die Ausgaben, die man sich spart, wenn man nicht noch zwei Spieler nachverpflichtet, um überhaupt dahin zu kommen?
Und vor allem: Wenn ich mir das Geld diese Saison spare und nächste Saison ausgebe, ist das nicht sinnvoller? Sind ein 12. Platz und ein 6. Platz nicht wertvoller als zwei 10. Plätze? 

Um solche Fragen richtig beantworten zu können, müssen sich Manager immer im Klaren sein, wo ihre Mannschaft von der Stärke her hingehört. Rechnet sich eine Verpflichtung, die mich von ungefähr 50 Punkten auf 60 bringt? Was ist mit einer, die mich von 75 auf 80 bringt? So liesse sich mit ein paar grundlegenden, nicht unbedingt eishockeybasierten Ideen auch die Zusammenstellung des Kaders optimieren.

Anhang

Natürlich hat das ganze einen wirtschaftlichen Aspekt, der vielleicht nicht ganz so leicht zu erklären ist, wie der Zusammenhang zwischen Punkten und der Playoffteilnahme: Wie die Fans das wahrnehmen. Dazu kann ich nur meine persönliche Meinung angeben. Die wären:

  1. Sind ein 6. und ein 12. Platz besser als zwei 10. Plätze?
    Ja, absolut. Mal weiter oben mitzuspielen ist es definitiv wert, im vorhergehenden Jahr weiter unten zu stehen.
  2. Budget der laufenden Saison in die nächste schieben, wenn die Wunschkandidaten nicht zu haben sind (oder die marginale Verbesserung das Geld nicht wert ist)?
    Wenn ich als Dauerkarteninhaber (bin ich nirgends, aber egal) mitbekomme, dass meine Mannschaft die Saison "herschenkt", weil es aktuell auf dem Markt oder in der Tabelle sehr bescheiden aussieht, würde ich schon das Gefühl haben, über den Tisch gezogen worden zu sein. Schliesslich kauft man die Dauerkarte ja mit einer bestimmten Erwartung. Wenn die sportliche Leitung dann einfach mal so die Ziele ändert, würde mir das durchaus nicht gefallen.
    Idee! Mögliche Lösung der sportlichen Leitung dafür: Sowas nicht ans Licht kommen lassen. Einfach mal in der Presse die Wahrheit biegen und sagen, man habe kein Geld mehr für Nachverpflichtungen o.ä.
    Vielleicht nicht unbedingt die nobelste Variante, aber besser als Dauerkarten verlieren ist es allemal.