"unverdient" und das DEL-Finale

Der ERC Ingolstadt ist Deutscher Meister 2013/14. Obwohl sie nach der Hauptrunde auf dem 9. Platz standen. Und im Dezember kurz davor waren, ihren Meistertrainer zu entlassen. Und in den Playoffs gegen den amtierenden Meister und die zwei punktbesten Teams der Hauptrunde ran mussten.

Aber diese Geschichte der heroischen Mannschaft ungeliebter Versager, die sich zusammensetzen und was ganz Grosses erreichen, können andere Eishockeypublikationen schreiben.

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Puckbesitz ist die aktuell beste Eigenschaft, an der man im Eishockey zukünftigen Erfolg abschätzen kann. Das war gleichzeitig auch eine der Eigenschaften, die die 2013/14er Ausgabe der Kölner Haie ausgezeichnet hat. Das hat sich

im Finale deutlich bemerkbar gemacht

. Wenn man die Spiele 1-6 der Finalserie 100 Mal ausspielt, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass sonderlich häufig zu einem Spiel 7 kommt. Köln dominierte das Spielgeschehen über weite Strecken. Doch hier ergibt sich eine etwas philosophische Fragestellung:

Kann ein Team besser gespielt haben und trotzdem verlieren? Oder ist das Siegerteam automatisch das bessere Team, weil es "smarter" gespielt hat und seine Chancen genutzt hat?

Um ehrlich zu sein, bin ich der Meinung, dass Leistung nicht über Ergebnisse definiert werden sollte. Zumindest nicht in einer so kurzen Zeitspanne wie einer Best-of-7-Serie.

Köln

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Hat Köln im Finale besser gespielt? Meiner Meinung nach: Ja. Oder detaillierter formuliert: Die Kölner haben so gespielt, dass ich erwarten würde, dass sie deutlich wahrscheinlicher gewinnen.

Ich bin der etwas unpopulären Ansicht, dass man im Eishockey den Sieg nicht  "erzwingen" kann. Dinge wie "Killerinstinkt", "Clutch", etc. sind wunderbare beschreibende Terme, also sie lassen sich leicht retroaktiv auf Aktionen schreiben, haben allerdings keinerlei vorhersagende Kraft.

Sprich: Ein Team, das in einer Serie den Killerinstinkt hat, kann ihn in der nächsten Serie auf einmal nicht mehr haben.

Was ein gutes Eishockeyteam ausmacht, ist, dass es seine Abhängigkeit vom Scheibenglück reduziert. Das ist allerdings nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Wenn man, wie die Kölner auf eine Mannschaft mit einem heissgelaufenen Torhüter trifft, der dann zur richtigen Zeit auch noch die Scheiben reingehen, lässt sich da wenig machen.

Das einzige, was sich die Kölner in dieser Serie vorwerfen lassen müssen, ist, in Spiel 7 das Spiel abgegeben zu haben. Das, was sie die ganze Saison ausgemacht hat, den Puck mehr zu haben als der Gegner, haben sie in diesem Spiel erst geschafft, als sie schon zurücklagen.

Lag das daran, dass die Spieler unter einem Finalfluch leiden? Dass ihnen der Killerinstinkt fehlt? Diese Erklärungsversuche sind mir persönlich zu einfach (Mir kann ja keiner beweisen, dass die Haie

nicht

unter nem fehlenden Killinstinkt leiden!). Irgendetwas war definitiv anders in Spiel 7. Auch im Vergleich zu den anderen Niederlagen gegen die Ingolstädter.

Dennoch würde ich an dieser Mannschaft nur das notwendigste ändern (ausser natürlich offensichtliche Upgrades, die man unabhängig des Final-Ausgangs getätigt hätte). In der Saisonanalyse würde ich persönlich das Finale/die Playoffs nicht mehr gewichten, als irgendwelche beliebigen anderen 17 Pflichtspiele.

Die Kölner waren schon das ganze Jahr lang meiner Meinung nach die beste Mannschaft der DEL. Diese wegen 11 Spielen (7 vs ING, 4 vs Berlin 2013) zu sprengen wäre eine dumme Herangehensweise. Die Mannschaft kann gewinnen und hat dies zur Genüge unter Beweis gestellt.

Ingolstadt

Die Ingolstädter hatten in den Playoffs 2014 einen PDO-Wert von 104.1*. Das ist ein sehr hoher Wert, der von deutlichem Scheibenglück zeugt!

Macht das den Ingolstädter Sieg unverdient? Nein, natürlich nicht.

Wer sich durch die Playoffs spielt, ist nie unverdient Meister. Daher scheue ich in solchen Situationen gerne etwas vom Begriff "Glück" ab.

Was eigentlich gemeint ist, ist: "So wie Ingolstadt spielt, werden sie auf Dauer nicht mehr Spiele gewinnen als der Gegner."

Die Tatsache, dass diese Mannschaft mit ihrer Spielweise kurzfristig eben doch Spiele gewinnen konnten, zeugt nicht unbedingt von einer bleibenden Qualität. 8 von 14 DEL-Teams konnten diese Saison von 18 aneinanderhängenden Spielen 12 gewinnen (Mit dem Ingolstädter Playoff-Lauf sind es 9 von 14). Insgesamt gab es eine Serie, in der ein DEL-Team 12 seiner letzten 18 Spiele gewonnen hat, 75 Mal.

Als Ingolstadter Fan würde ich mich zwar riesig über den Titel freuen, allerdings sollte einem im Sommer auch klar sein, dass ein erneuter Titel mit dieser Mannschaft alles andere als wahrscheinlich ist. Egal wie viel Charakter und Willenskraft diesem Team jetzt zugeschrieben wird.

Das ist das Problem der Playoffs. Es ist eine absolut grauenhafte Methode, das beste Team der Liga zum Meister zu machen. Aber sie sind so unterhaltsam, dass man es ihnen zwischendurch wieder verzeiht.

Das hat diese Finalserie unter Beweis gestellt. Das bessere Team ist wohl nicht Meister geworden. Aber es war unterhaltsam, zuzuschauen.

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PDO ist die Summe aus Schussquote und Fangquote und ist ein gutes Mass für Scheibenglück. Im Normalfall können Teams einen Wert um 100 erwarten. Der höchste PDO-Wert, den eine Mannschaft in den letzten Jahren über eine Saison halten konnte? Wolfsburg 2011/12: 102.5. Im Jahr darauf hatten die Wolfsburger einen PDO-Wert von 98.9.