Bevölkerungsstudie DEL: Wie viel spielen deutsche Spieler wirklich?

Dieser Artikel ist explizit eher als Data Dump, sprich als Datenausschüttung gedacht, als als vollständige, endgültige Analyse.

Dass es um das deutsche Eishockey nicht optimal bestellt ist, ist kein Geheimnis. In Sochi ist die Herren-Nationalmannschaft nicht vertreten. Von Kommentatoren hört man häufig, dass deutsche Spieler in der DEL nicht häufig genug spielen/nicht in den Special Teams spielen. Die Anzahl der spielberechtigten Ausländer wurde in den letzten Jahren gesenkt. Doch mit 9 erlaubten Spielern jedes Spiel stellen Ausländer immer noch einen grossen Anteil der Spieler. 

Um zu überprüfen, wie deutlich sich das wirklich auf die Eiszeiten der deutschen Spieler auswirkt, stürzen wir uns in die Daten der letzten beiden Saisons. Um die Daten in den richtigen Kontext zu setzen, werden diese dann mit denen der SHL verglichen.

Anteil deutscher Spieler in Prozent

Als erstes ordnen wir die Stürmer jedes Teams nach ihrem Eiszeitanteil bei gleicher Spielstärke und weisen dem Spieler dann einen Rang zu.  Das gleiche geschieht dann für Powerplay und Penalty Kill (und noch einmal genau gleich für Verteidiger).

Somit wissen wir jetzt, am wievieltmeisten Eiszeit jeder Spieler innerhalb seiner Mannschaft in der jeweiligen Spielsituation bekommen hat. Nun bekommt jeder Spieler noch eine Zuordnung, ob er Deutscher oder Kontingentspieler ist.

Anschliessend werden sowohl bei Stürmern als auch bei Verteidigern nach Position im Kader sortiert und gezählt wie viele Spieler an der jeweiligen Position deutsch sind.

Das ergibt dann folgende Diagramme:

(Zu lesen als: Der Verteidiger mit der fünftmeisten Eiszeit in Unterzahl ist in der DEL zu 50% deutsch)

  • Schon vor einigen Jahren ist mir beim Betrachten der Scorerlisten aufgefallen, dass es zwar durchaus erfolgreiche deutsche Stürmer gibt, aber deutsche Offensivverteidiger sehr rar sind. Offensichtlich sehen das die DEL-Trainer auch so, Powerplayzeit geht hauptsächlich an Kontingentspieler.
  • Bei Verteidigern ist der Effekt am oberen Ende noch deutlicher als bei Stürmern, im ersten Paar in Überzahl belegen deutsche Spieler in Überzahl nur 17% aller Plätze. Deutsche Stürmer nehmen immerhin noch 26% aller Plätze ein.
  • Der Effekt der hohen Anzahl an Kontingentstellen ist deutlich zu sehen.
  • Sobald man Richtung vierte Reihe geht, sind deutsche Spieler endlich die Norm.
  • Ausländerlizenzen werden hauptsächlich für offensive Rollen vergeben (ja, ich weiss, Captain Obvious, etc. ...)

Alterskurven und verzögerte Entwicklung

Beim Gucken der u20-WM im Dezember/Januar ist mir aufgefallen, dass die deutsche u20-Nationalmannschaft regelmässig schlechter abschneidet als die u18-Nationalmannschaft. Eine einfache Erklärung hierfür war für mich die Tatsache, dass es in Deutschland schlichtweg keine u20-Liga gibt. Die DNL soll zwar erweitert werden, aber bisher mussten sich 19 & 20-Jährige, die noch nicht bereit für die DEL sind, in den tieferen Ligen des deutschen Eishockeys entwickeln. Dass das nicht funktioniert, sollte offensichtlich sein.

Meine Vermutung war folgende: Wenn deutsche Spieler sich zwischen 18 und 20 im weltweiten Vergleich gesehen schlechter entwickeln, müsste sich das auch in der DEL bemerkbar machen. Deutsche Spieler dürften erst in einem späteren Alter tragende Rollen übernehmen. 

Dafür habe ich aus den vorhandenen Daten Alterskurven berechnet, also den Verlauf der Eiszeit eines Spielers nach seinem Alter.

Hier ist ein Beispiel für deutsche Stürmer bei EV:

Eingezeichnet sind ausserdem Werte für den durchschnittlichen Erst-/Zweit-/Dritt- und Viertreihenspieler und den durchschnittlichen Kontingentspieler.

Der durchschnittliche deutsche Spieler ist also erst im Alter von 23/24 mehr als nur ein unterdurchschnittlicher Viertreihenspieler.

Das ganze ist natürlich recht wenig aussagekräftig, wenn man dazu keinen Vergleichswert hat. Daher hier die entsprechende Kurve für die schwedische SHL:

(Da ich hier nur ein Jahr zur Verfügung habe, ist der tiefe Wert im Alter von 24 wohl nur ein Ausrutscher, der mit den Jahren 23 und 25 in der letzten bzw. nächsten Saison ausgebügelt werden würde)

Dabei ist zu sehen, dass die schwedischen Spieler sich schon deutlich früher in wichtigen Rollen finden und die Spitze im Alter von 26 deutlich näher an der von Michael Mauboussin* beschriebenen Leistungsspitze bei 26/27 Jahren und der in der NHL vermuteten 25 ist, als die deutsche Spitze bei 30/31.

Bevor ein genauerer Vergleich folgt, hier mal die Kurven für Verteidiger:

Hier ist der Unterschied noch deutlicher zu sehen. Während es in Schweden schon ab 21 Leistungsträger gibt, sind diese in der DEL erst ab 25 wirklich zu finden.

Die beiden "Ausrutscher" bei 16/17/18 sind Oliver Kylington (Färjestad), bzw. auf deutscher Seite Hagen Kaisler / Jonas Noske (DEG).

Direkter Vergleich

Um das ganze weiter zu verdeutlichen, hier mal beide Kurven im gleichen Diagramm**:

Man sieht, dass die Entwicklung der deutschen Spieler schlichtweg verzögert stattfindet.

Wenn man die deutsche Kurve nun einfach zwei Jahre zurückverschiebt, kann man durchaus von vergleichbaren Verläufen (bis ca. 26) sprechen. 

Kurioserweise sind das genau die zwei vorher angesprochenen Jahre, die ein Spieler in einer u20-Liga verbringen könnte, wenn er mit der DNL fertig ist, wie es z.B. in Schweden der Fall ist.

  • Hier wird nun ersichtlich, dass das Problem eben nicht damit aufhört, dass man nicht so gute 20-Jährige hat, sondern es zieht sich lange durch die Karrieren der Spieler. 
  • Die Tatsache, dass in der DEL zusätzlich noch deutlich mehr Kontingentspieler spielen als in Schweden verschlimmert das ganze nur noch mehr.
  • Durch die verzögerte spielerische Entwicklung werden 2-3 Jahre hohen physischen Potentials "verschwendet", da die physische Alterung natürlich nicht stagniert.

Lose Gedanken

Wie genau das ganze zu lösen ist, ist natürlich keine einfache Antwort. Wäre ja auch zu schön, wenn irgendein Blogger in einer entfernten Ecke des Internets die Lösungen hätte, um das deutsche Eishockey in glorreichere Zeiten zu führen... Hierzu abschliessend noch ein paar kurze Gedanken:

  • In einem Punkt bin ich aber nach dem Betrachten der Daten recht selbstbewusst: Es muss eine u20-Liga her! 
  • Ob eine einfache Erweiterung der DNL das beste ist, ist dabei schwer zu beurteilen.
  • Es ist sicherlich die einfachste Lösung...
  • Diese Erweiterung wird aber dafür sorgen, dass deutsche Spieler im Alter von 16 oder 17 hier deutlich weniger Eiszeit bekommen als bisher. Hier wird sich sicherlich erst eine Balance zwischen den Altersgruppen einstellen müssen, die gegebenenfalls bearbeitet werden muss.
  • Eine weitere Kontingentstellenkürzung scheint ebenfalls notwendig. Deutsche Spieler bekommen schlichtweg nicht die Chancen, die einheimische Spieler anderer Top-Ligen bekommen.
  • Das muss natürlich schrittweise und langsam passieren - liesse sich den verbandsunabhängigen Clubs anders wohl bestimmt auch nicht verkaufen...
  • Um auch bei einer langsamen Kontingentstellenkürzung einen allzu grossen Leistungsabfall zu verhindern, muss allerdings die Jugendarbeit verbessert werden. Inwieweit z.B. DEL-Teams zu Jugendarbeit/Investitionen in die Jugendarbeit verpflichtet sind, ist mir allerdings nicht bewusst. Auch weiss ich nicht, wie viele Vorschriften die Liga diesbezüglich überhaupt machen kann/darf.
  • (Ob ein Leistungsabfall der DEL wirklich negative Folgen auf Zuschauerzahlen hätte, zweifle ich hier mal an. Was das impliziert, darf sich jeder selbst überlegen :D )
  • Ein grosses Hindernis für grosse Veränderungen in der Jugendarbeit sind sicherlich auch die Manager/Vorstände selbst. Diese arbeiten nämlich in den allermeisten Fällen nicht auf langfristigen Erfolg hin, sondern achten (verständlicherweise) darauf, dass der kurzfristige Misserfolg soweit verhindert wird, dass der eigene Job nicht in Gefahr gerät. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag...

* In seinem Buch "The Success Equation: Untangling skill and luck in business, sports and investing", ISBN: 978-1422184233

** Es sollte beachtet werden, dass sich die Kurven nicht ohne weiteres 1:1 übertragen lassen. Da das Hauptaugenmerk hier darauf liegt, wann die Spieler erstmals wirkliche etablierte Spieler werden, habe ich eine Umrechnung verwendet, die vor allem im Bereich der 3. bis vierten Reihe korrekt ist. Werte deutlich darüber werden dann bei der DEL übergewichtet. Deswegen ist der DEL-Deutsche mit 29/30 auch auf dem Niveau eines Erstreihenspielers, statt - wie eigentlich korrekt vorher zu sehen - auf dem Niveau eines Zweitreihenspielers.