Special Teams - Powerplayanteil als Teamtalent

Wir haben gestern festgestellt, dass man, um ein Team besser beurteilen zu können, die Anzahl der Über- bzw. Unterzahlspiele berücksichtigen sollte. Das ist natürlich keine wirkliche Fähigkeit, die mit den Special Teams zu tun hat, sondern etwas, was hauptsächlich bei gleicher Spielstärke stattfindet. Ausserdem wissen wir nun, dass das keine kurzfristigen Ausreisser sind, sondern eine wirkliche Mannschaftseigenschaft ist.

Wie sollen wir dieses Talent optimal quantifizieren?

Die einfachste Variante wäre die PP - Differenz, also einfach die Differenz zwischen der Anzahl der herausgeholten Powerplays und der Anzahl der Unterzahlsituationen. Doch hierbei stossen wir auf viele Teams, deren PP-Differenz deutlich besser ausfällt, als wir das erwarten würden (z.B. Düsseldorf oder Augsburg diese Saison)

Hat die 2013/14er Ausgabe der DEG wirklich ein isoliertes Talent, sich sehr effektiv eine positive Powerplaydifferenz zu erarbeiten, oder gibt es eventuell andere Gründe dafür?

Score Effects

Score Effects beschreiben das Phänomen, dass Teams in der NHL bei eigener Führung nachlassen oder - je nach philosophischer Einstellung - dass in Rückstand liegende Teams stärker aufspielen.

Das ist beobachtbar in den Puckbesitzstatistiken:

Zu sehen ist hier der Anteil aller ungeblockten Schüsse (Fenwick) beim jeweiligen Spielstand in der NHL 2011/12 (die letzte vollständige 82-Spiele-Saison).

Es gab 2011/12 also gerade mal ein einziges Team (Nashville), das bei einem Tor Rückstand nicht über 50% der Schussversuche hatte. Ebenso war Edmonton die einzige Mannschaft, die bei 2 Toren Rückstand die 50%-Marke nicht knacken konnte. Auf der anderen Seite gab es gerade einmal 4 Teams (LA, Boston, Pittsburgh, Detroit), die bei einem Tor Vorsprung über 50% Spielanteile hatten und eines (Detroit) bei 2 Toren Vorsprung.

Über den wahren Grund für die Score Effects wird noch gerätselt. Teilweise ist es sicherlich die menschliche Haltung, bei einem Vorsprung etwas an Motivation zu verlieren hohen Druck aufrecht zu erhalten.

Wenn man sich nun überlegt, dass Powerplays wohl unter anderem ein Abfallprodukt von offensivem Engagement sind, lässt sich vermuten, dass Score Effects auch beim Powerplayverhältnis auftauchen könnten. Und das wiederum können wir, im Gegensatz zu Puckbesitzstatistiken, in der DEL überprüfen:

Teams die in Rückstand liegen, bekommen also einen deutlich höheren Anteil der Powerplays, als Teams, die in Führung liegen. Eine Mannschaft wie Düsseldorf kann also durchaus besser in Sachen Powerplayverhältnis abschneiden, da sie häufig zurückliegt und die Mannschaft, die zurückliegt, nun mal wesentlich grössere Chancen auf ein Powerplay hat.

Zudem scheint es noch sinnvoll zu berücksichtigen, dass Heimmannschaften in der DEL deutlich mehr Powerplays zugesprochen bekommen als Auswärtsteams. Wie sich der Heimvorteil bei unterschiedlichen Spielständen auswirkt, ist hier zu sehen:

  Aufgetragen ist hier der Powerplayanteil - (PP Für)/(PP Für + PP gegen) einer Mannschaft allgemein, zu Hause und Auswärts beim jeweiligen Spielstand

Aufgetragen ist hier der Powerplayanteil - (PP Für)/(PP Für + PP gegen) einer Mannschaft allgemein, zu Hause und Auswärts beim jeweiligen Spielstand

Ziemlich beeindruckend: Das Auswärtsteam muss in der Regel mit 2 Toren zurückliegen, um weniger häufig in Unterzahl zu spielen als die Heimmannschaft! Bei ausgeglichenem Spielstand ist ausserdem zu erwarten, dass dem Heimteam ca. 56% aller Powerplays zukommen.

Dass der Vorteil bei über 3 Toren Rückstand wieder abschwächt, würde ich schlichtweg dadurch erklären, dass Mannschaften mit mehr als 3 Toren Rückstand nicht sonderlich viel Hoffnung auf ein Comeback haben und eventuell schon etwas frustriert sind.

Es ist also durchaus empfehlenswert bei der Betrachtung des Powerplayverhältnisses den Spielstand1 zu berücksichtigen. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist die Betrachtung der Powerplayverhältnisse bei ausgeglichenem bzw. engem - Ein Tor Vorsprung / Unentschieden / Ein Tor Rückstand - Spielstand. Diese Betrachtung hat nicht nur den Vorteil, dass wir die Effekte des Spielstands vermeiden, sondern ausserdem den Bonus, dass dies auch die wichtigsten, sprich entscheidenden Spielsituationen, sind. Also Spielsituationen, in denen beide Mannschaften noch mit realistischen Chancen um den Ausgang des Spiels kämpfen.

Bemerkenswert: Berlin bekommt diese Saison 62.7% (64 Powerplays, 38 Unterzahlsituationen) aller Powerplays bei ausgeglichenem Spielstand. Bei einem Verhältnis von 64 - 38 und einer durchschnittlichen Special Teams Truppe liegt da die erwartete Tordifferenz bei +4.5.

Das heisst, rein durch die Fähigkeit der Eisbären, effektiver Strafen zu vermeiden bzw. zu provozieren als ihre Gegner, sollten sie (wenn sie denn durchschnittliche Special Teams hätten) 4.5 Mal diese Saison in Führung gegangen sein.

Patrick D. hat bereits gezeigt, dass das Powerplayverhältnis in der NHL ein wichtiger Vorhersager für die zukünftigen Leistungen einer Mannschaft ist.

Das sollte einen nicht allzu stark wundern, schliesslich kommt durch ein positives PP-verhältnis nicht nur der Vorteil, dass man einen Tordifferenz-Bonus (wie oben am Bsp. Berlin erklärt) bekommt, sondern auch die Tatsache, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass man sich zu dieser Zeit Gegentore einfängt. Also auch wenn man hier nicht selbst verwerten kann, erhöht man seine Chancen auf Punkte dadurch, dass man das Unentschieden/den Gleichstand länger hält.

Da in der DEL deutlich mehr Strafen vergeben werden, als in der NHL2, lässt sich vermuten, dass dieses Talent hier ebenfalls ein guter Vorhersager für zukünftige Leistungen sein sollte.

In den kommenden Wochen werde ich mich daran setzen und mir die Daten der letzten DEL-Saisons heraussuchen, um hier auch für die DEL eine definitivere Aussage machen zu können.

Zusammenfassung

  • Powerplay- und Unterzahlquote sind zwar sinnvoll, wenn es darum geht, sehr kurzfristige Vorhersagen zu machen (Wie wahrscheinlich ist es, dass die Ingolstädter jetzt, wo sie in Überzahl sind, ein Überzahltor schiessen?), sind aber für langfristige Fragen (Wie gross ist der Einfluss des Mannheimer Powerplays auf die Saison der Mannheimer?) nur ein Teil der Antwort.
  • Die Powerplayquote schwankt aufgrund der Schwankungen, die mit Schussquoten assoziiert sind. Allerdings sind im Powerplay im Gegensatz zu EV auch nicht vernachlässigbare Unterschiede bezüglich Schussqualität festzuhalten.
  • Die Schussanzahl ist aber auch im Powerplay stabiler und sollte in Kombination mit einer regredierten Schussquote als Vorhersager verwendet werden.
  • Das Unterzahlspiel ist hierbei deutlich schwieriger einzuschätzen. Sowohl Schussanzahl- als auch Fangquote regredieren stark (stärker als die Schussquote im PP). Die Fangquote ist ein deutlich besserer Vorhersager für zukünftige Gegentore als der Schussanteil.
  • Im professionellen Eishockey existiert die Fähigkeit, sich Powerplays zu erarbeiten und Strafen zu vermeiden. Diese Fähigkeit ist ausserdem sehr konstant und eignet sich besser zur Vorhersage zukünftiger Powerplaytore als die Powerplayquote
  • Bei der Verteilung der Überzahlspiele sind Score Effects zu beobachten. Teams in Rückstand bekommen also mehr Powerplays zugesprochen.
  • Eine sinnvolle Betrachtung (wie bei Schussversuchen) ist diejenige bei ausgeglichenem oder engem Spielstand. Auch wenn erste Ergebnisse vermuten lassen, dass die Effekte sich stark auf die Leistungen von Mannschaften auswirken, muss deren prädiktiver Wert für die DEL noch genauer untersucht werden.

1: Im Optimalfall natürlich noch die Heim/Auswärts-Bilanzen

2: 2012/13: 

DEL 9.35 Powerplays pro Spiel, NHL 6.65 Powerplays pro Spiel