"Moneypuck" - Beispiele

Im gestrigen Artikel habe ich versucht, einen kleinen Überblick über das wirtschaftlich motivierte Konzept hinter Moneyball zu geben. Michael Lewis' Botschaft war, dass im Profisport wie in der Wirtschaft auch Marktineffizienzen, also (umgemünzt auf Eishockeyspieler) Fähigkeiten/Aspekte existieren, die von einem Grossteil der Eishockeywelt in ihrer Wertigkeit über- bzw. unterschätzt werden. Wenn man das weiss und sich darauf konzentriert, nach diesen unterbewerteten Fähigkeiten zu suchen, finden sich Spieler, die unter dem theoretisch gerechtfertigten Marktwert zu haben sind, weil ihre Talente nicht entsprechend ihres wirklichen Beitrags zum Mannschaftserfolg vergütet werden.

Heute möchte ich zwei kleinere Beispiele diskutieren, die das ganze etwas illustrieren sollen:

Überbezahlen vermeiden

 Ville Leino, bevor er wegen einer hohen Schussquote 27 Mio. USD bekam...   Clydeorama

Ville Leino, bevor er wegen einer hohen Schussquote 27 Mio. USD bekam...

Clydeorama

Wenn man den Zahlen des Handelsblatts glaubt, verdient der durchschnittliche DEL-Spieler irgendwo zwischen 70'000€ und 150'000€.

Spieler 1, Standardstatistiken
GAP+/-PIM
172138+1989

Nehmen wir mal an, wir haben einen leicht überdurchschnittlichen Spieler in unserem Kader (2. Reihe, Linker Flügel, 29 Jahre, 1.92m), dessen Vertrag ausläuft.

Seine Standard-Stats sind Zahlen, die ihn an der Grenze der Top 25 Scorer kratzen lassen, also eindeutig Zahlen eines Erstreihenspielers. Der Spieler verlangt nun eine entsprechende Gehaltserhöhung. Sagen wir mal, er fordert 50'000€ mehr als bisher. Ein anderer DEL-Club hat ihm das Gehalt geboten, aber da es ihm hier gefällt, würde er bei unserem Club bleiben, wenn wir ihn gleich entlohnen.

Unser Trainer sagt uns noch, der Spieler sei tough, sowohl in der Mannschaft als auch bei den Fans beliebt und auch wir als Manager habe diese Saison viel von ihm gehalten.

In Szenario 1 sind das die einzige Information, die wir haben. also stellt sich die Frage eigentlich nicht, aus einem guten Spieler der zweiten Reihe ist ein guter Erstreihenspieler geworden, super!

In Szenario 2 haben wir folgende zusätzliche Informationen (eine genaue Erklärung zur Bedeutung der Statistiken ist ganz unten als Anhang zu finden):

S%On-Ice S%On-Ice SV%PDOOZone%Corsi OnCorsi RelStrafenGezogene Strafen
1713.192105.154.97.22.31.41.0

Das sagt uns:

Er hat wohl etwas mehr Tore auf dem Konto, als von ihm normalerweise zu erwarten sind (hohe Schussquote), genauso wie seine Assists (hohe on-Ice-Sh%) und sein +/-Wert (hoher PDO-Wert). Er hat leicht von einer offensiven Verwendung profitiert (hohe OZone%) und vom Trainer (geht auch aus Daten) wissen wir, dass er meist gegen die gegnerische 2. Reihe gespielt hat, also vernünftige, wenn auch nicht die schwersten Gegner hatte. Dennoch hat er das Spiel in die richtige Richtung gelenkt (Corsi On) und zwar besser als der gesamte Rest der Mannschaft (Corsi Rel). Er hat allerdings auch mehr Strafen verursacht als gezogen. 

Anmerkung: Hier sehe ich einen grossen möglichen Vorteil. Strafen zu ziehen scheint bei individuellen Spielern sehr wohl ein Talent zu sein. Die Spieler, die besonders gut darin sind, sind auch nicht nur "die üblichen Verdächtigen". Gerade in der DEL, in der es deutlich mehr Powerplays gibt als in der NHL! Dazu demnächst mehr.

Als Manager, dem diese Informationen zusätzlich vorliegen, sage ich mir: Es ist unwahrscheinlich, dass er diese Produktion wiederholt. Er ist ein effektiver 2-Wege-Stürmer, von dem man eine vernünftige offensive Produktion für die 2. Reihe erwarten kann. Als Spieler für die zweite Reihe würde ich ihn sehr gerne behalten. Wenn er seinen offensiven Ausbruch nach oben aber unbedingt ausnutzen will, ist das natürlich sein Recht, aber für mich als Manager macht es keinen Sinn, ihn wie einen Erstreihenspieler zu bezahlen.

"Buying low" - Einkaufen zu Discounterpreisen

Aber natürlich kann es nicht nur das Ziel sein, Fehler zu vermeiden. Das soll "Buy low" illustrieren. Übersetzt heisst das einfach "Billig kaufen". In unserem Zusammenhang bedeutet das, dass man, wenn man die Zufalls- und Verwendungseinflüsse kennt und versteht, auch unterbewertetes Talent finden kann, statt nur überbewertetes zu vermeiden.

Wir sind noch auf der Suche nach einem Verteidiger für das dritte Paar. Auf dem Markt findet sich jemand wieder (31J, 1.81m), dessen "Standard"-Statistiken sich wie folgt lesen:

Spieler 2, Standardstatistiken
GAP+/-PIM
268-1038

 Szenario 1: Als 31-Jähriger könnte man annehmen, dass er auf dem absteigenden Ast ist. Schon im Jahr vorher hatte er eine schlechte +/- Bilanz. Für mich als Manager ist er von keinem Interesse. Er steht offensichtlich bei seinem eigenen Team auf dem absteigenden Ast, hat kein neues Vertragsangebot bekommen. Auf dem Markt lässt sich sicherlich etwas Besseres finden.

Schauen wir uns mal die #fancystats an:

S%

On-Ice S%

On-Ice SV%

PDO

OZone%

Corsi On

Corsi Rel

Strafen

Strafen gezogen

QoC

3.7

6.5

89.9

96.4

47.9

2.2

2.7

0.7

0.6

2. Reihe

S%On-Ice S%On-Ice SV%PDOOZone%Corsi OnCorsi RelStrafenGezogene StrafenQoC
3.76.589.996.447.92.22.70.70.62.Reihe

Diese sagen uns aus, dass der Verteidiger ein ziemlich unglückliches Jahr hatte. Doch obwohl er häufig gegen bessere Gegner gespielt hat, hat er meistens einen positiven Anteil am Puckbesitz gehabt. Seine Verwendung ist nicht wirklich extrem, auch wenn er etwas defensiver verwendet wurde.

  Thomas Hickey ; 5. bester Corsi Rel-Wert unter Verteidigern. 675'000$/vom Waiver geclaimt

Thomas Hickey; 5. bester Corsi Rel-Wert unter Verteidigern. 675'000$/vom Waiver geclaimt

Das ist eigentlich alles, was im Allgemeinen von einem Verteidiger im dritten Paar erwartet werden kann. Natürlich gibt es Mannschaften, die sich dort Spieler suchen, die nochmal die Offensive beleben können. Die Verteidiger, die das aber ausserhalb der Top 4 machen, tun das normalerweise mit einer offenen Spielweise, die häufig Lücken öffnet. Der hier aufgeführte Spieler hatte nun 2 sehr unglückliche Saisons und die Fähigkeiten, die er mit sich bringt, sind nicht gerade die, die einem sofort ins Auge springen (Körpergrösse, Toughness, Tore, Punkte). Das sorgt dafür, dass man ihn wohl unter Marktwert verpflichten kann. Denn im Vergleich zu einem "gleichwertigen" Verteidiger, der gerade eine "normale" Saison hinter sich hat, wird er weniger Geld verlangen.

Gerade durch die Schwankungsfreudigkeit, die der PDO-Wert mit sich bringt, gibt es immer wieder Spieler, die eine (oder auch mehrere) oberflächlich gesehen schlechte Saison haben. Hier können einem die unter der Oberfläche liegenden Statistiken helfen, herauszufinden, ob das nur ein zufälliger Ausreisser ist oder (wie das so häufig allgemein vermutet wird) ein wirkliches Zeichen für abfallende Fähigkeiten ist.

Anmerkung:

  • Mir ist klar, dass zu den Berichten, die Scouts erstellen, noch deutlich mehr gehört, vor allem eine genauere Beschreibung der Spielweise. Für diese kurze Erklärung sind diese Informationen aber eher unwichtig.
  • Natürlich kommt es immer darauf an, was man gerade für einen Spieler sucht und was der Markt zu bieten hat. Wenn es keinen Ersatz gibt, ist es vielleicht doch besser unserem Spieler #1 das zusätzliche Geld zu geben, etc.
  • In den unteren Reihen ist es meist ein immenser Vorteil, wenn man Leute hat, die einfach nicht dauernd in der eigenen Zone hängen bleiben (*hust* "Tough Guys" *hust*), und bei denen man sich auch trauen kann, sie nicht nur gegen des Gegners Vierte Reihe aufs Eis zu schicken.

Zusammenfassung

Das sind nur zwei Beispiele, wie man von zusätzlicher statistischer Analyse profitieren kann. Aber ob man nun entscheiden muss, wie viel Gehalt jemand wert ist, ob jemand einen Platz im Team verdient hat oder man 2 Spieler vergleicht, mehr relevante Informationen sind immer hilfreich. Natürlich bleibt im Eishockey immer noch ein grosses menschliches Element, dass auch statistisch sehr gut begründbare Transfers schlecht aussehen lassen kann. Das Ziel hier ist nur das mit jeder Entscheidung verbundene Risiko zu reduzieren.

Auch die hier aufgeführten Statistiken sind noch lange nicht das Ende der Fahnenstange Es sind lediglich die momentan am häufigsten verwendeten. Andere Möglichkeiten wie...

  • Zone Entries: Welche Spieler/Reihen tragen den Puck wie ins gegnerische Drittel
  • Zone Exits: Wer und wie kommt der Puck aus dem eigenen Drittel; Wer ist wirklich gut in Sachen Spielaufbau?
  • WOWY-Analyse: Betrachtung der Werte eines Spielers, wenn er mit einem/ohne einen anderen Spieler auf dem Eis ist (Beispiel: Bozak mit/ohne Kessel)
  • etc.

sorgen für einen noch besseren Einblick in die Leistungen der Spieler.

Nochmal: Niemand behauptet, dass man sich nur auf Statistiken verlassen sollte. Oder dass Charakter unwichtig ist. Es soll hier darum gehen, dass man eben nicht nur durch Scouting Talente und Qualität entdecken und beurteilen kann. Bei aller Fachkenntnis und Erfahrung sind Scouts am Ende eben doch nur Menschen, die gelegentlich auch gewissen Urteilsverzerrungen unterliegen. Mit Hilfe von statistischer Analyse kann man jede Scouting-Abteilung verstärken.

Wenn man nun bedenkt, dass der durchschnittliche DEL-Kader 6 Spielerwechsel mit variierender Wichtigkeit zwischen Saisons sieht, merkt man, dass selbst von DEL-Clubs doch ein beträchtlicher Betrag an Gehältern jeden Sommer vergeben wird. Wenn man Qualität besser evaluieren kann, kann man dieses Geld auch deutlich effizienter ausgeben. Und da ich sehr gerne mit 'ner zynischen Aussage aufhöre:

Das ist schliesslich alles, worum es im Profisport geht!

Habt ihr Ideen/Theorien für Marktineffizienzen im Eishockey? Lasst es mich in den Kommentaren oder auf Twitter wissen! (Wer Faustkämpfer/Toughness sagt, wird geblockt! :-) )

Anmerkung: Alle Ähnlichkeiten mit echten Spielern sind Zufall und unbeabsichtigt!

Bedeutung der Statistiken:

S%: Schussquote
On-Ice S%: Schussquote fürs eigene Team mit Spieler X auf dem Eis ist; Stürmer haben einen Einfluss, aber Regression ist trotzdem vorhanden
On-Ice SV%: Fangquote, mit Spieler X auf dem Eis; Spieler haben im Allgemeinen keinen Einfluss darauf, Regression
PDO: On-Ice S% + On-Ice SV% ; Individuelle Variante des Teamwerts, ebenfalls starke Regression
OZone%: (Wechsel, die im gegnerischen Drittel starten) / (Wechsel, die im gegnerischen Drittel starten + Wechsel, die im eigenen Drittel starten) ; Verwendungsgrösse, je mehr Wechsel im gegnerischen Drittel starten, desto einfacher die Rolle
Corsi On: Torschussversuche für - Torschussversuche gegen, wenn Spieler auf dem Eis ist ; Ersatzgrösse für Puckbesitz
Corsi Rel: Corsi On - Corsi Off ; Puckbesitz relativ zu Mannschaft, wenn Spieler nicht auf dem Eis ist
Strafen: Strafzeiten, die der Spieler pro 60 min Eiszeit nimmt (Strafen, bei denen kein Unterzahlspiel entsteht, ausgenommen)
Strafen gezogen: Strafen, die der Spieler "zieht", also Strafen des Gegners für Vergehen, die am Spieler begangen werden
QoC: Quality of Competition, Qualität der Gegner; Es gibt mehrere Methoden, diese zu bemessen, hier geht es jedoch mehr um qualitative als um quantitative Aussagen