Real-Time-Stats

Ein grosses Problem bei der statistischen Analyse der Eishockeyligen ausserhalb der NHL ist die mangelnde Verfügbarkeit von Daten. Mit Hilfe der Spielberichte der NHL kann man extrem viel herausfinden. Alles von durchschnittlicher Wechsellänge über Schussversuchstatistiken bis hin zum Fakt, dass Henrik Sedins häufigster Gegner auf dem Eis Alex Tanguay war und Vancouver, in den 5:02 min, die Sedin  letzte Saison gegen Mike Rupp auf dem Eis war, keinen einzigen Schuss aufs eigene Tor zuliess.
Die Informationen, die die DEL veröffentlicht, sind deutlich magerer. In Europa bekommt man die meisten Informationen in der schwedischen SHL (früher Elitserien), die individuellen Schusszahlen, Eiszeit und sogar ein Spielprotokoll veröffentlich, auf dem sich nicht nur Schüsse, Strafen und Tore, sondern auch Schüsse, die das Tor verfehlen und geblockte Schüsse wiederfinden.
Die KHL bietet, wie die finnische SM-Liiga, immerhin noch Eiszeit und individuelle Schüsse.
DEL, AHL und EBEL liefern einem dann keine Eiszeiten mehr und in der Schweizer NLA muss man die individuellen Spielbögen durchforsten um zu erfahren, von wem die einzelnen Schüsse stammen.
Soviel zu den nützlichen Daten. Wie in den meisten grösseren Sportarten gibt es natürlich auch im Eishockey Statistiken, die eine sehr geringfügige, bzw. gar keine Aussagekraft haben:

 

Was sind Real Time Stats?


Als "Real Time Stats" wurden vor wenigen Jahren von der NHL Hits (Bodychecks), geblockte SchüsseGiveaways (Puckverluste) und Takeaways (Puckgewinne) offiziell eingeführt. Wahrscheinlich Don Cherry zuliebe wurden diese dann sogar von Hockey Night in Canada zu einer "Grit"-Statistik zusammengefügt, die einem wohl einen Eindruck über die Team Toughness geben sollte. Auch bei den Übertragungen von ServusTV wurde letzte Saison Bodychecks als Statistik geführt.1 

Diese sind aber enorm irreführend!

Ich möchte mich hier auf keinen Fall gegen Checks im Eishockey aussprechen oder Härte als Mannschaftseigenschaft schlechtreden. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Checks und Checkstatistiken.
Während eine gewisse Härte im Spiel - das oft zitierte "Checks zu Ende fahren" - durchaus positive Einflüsse hat, ist es dennoch ein schlechtes Zeichen, wenn eine Mannschaft ein sehr hohes Bodycheckkonto hat. Denn es gibt etwas sehr wichtiges, was derjenige, der den Check setzt, nicht hat: den Puck. Wenn eine Mannschaft immer mehr Checks setzen muss als der Gegner ist es wahrscheinlich, dass sie dem Puck hinterherlaufen. 

Ähnliches gilt für Giveaways und Takeaways, also Puckverluste und Puckabnahmen. Die Spieler, die die Tabelle der Puckverluste anführen sind Spieler, die meist den Grossteil des Spielaufbaus ihrer Mannschaft übernehmen. Jemand, der bei gefühlt jedem Wechsel versucht, etwas Kreatives mit der Scheibe zu machen, wird ihn auch häufiger verlieren, als ein Defensivverteidiger, der den Puck schon in der eigenen Zone für seinen Center oder Verteidigungspartner liegen lässt.

Als Beispiel2: 
Verteidiger mit den meisten Puckverlusten: Erik Karlsson, PK Subban, Dion Phaneuf, Keith Yandle, Zdeno Chara

Stürmer mit meisten Puckverlusten: Ilya Kovalchuk, Joe Thornton, Evgeni Malkin, John Tavares, Jason Spezza, Ryan Getzlaf

Verteidiger mit den wenigsten Puckverlusten: Anton Volchenkov, Roman Polak, Adam McQuaid, John Moore, Carlo Colaiacovo

Stürmer mit den wenigsten Puckverlusten: Arron Asham, Jared Boll, Cody McLeod, Ryan Reaves 



Da Puckbesitz auf Dauer zu erfolgreichem Eishockey führt, ist es kaum verwunderlich, dass Checks (-0.021)3 und Takeaways (-0.003) eine negative Korrelation mit der Siegesquote haben, auch wenn sie so klein ist, dass man von einer quasi nicht vorhandenen Korrelation sprechen kann, es also egal ist, wie viele Bodychecks oder Puckabnahmen/-verluste am Ende auf dem Spielbericht stehen. 

Das zweite grosse Problem bei der Verwendung dieser Real-Time-Stats, wie die NHL sie nennt, ist deren mangelnde innere Homogenität. Durch die mangelnde Genauigkeit bei der Definition schaffen sogar die Offiziellen in NHL-Arenen es nicht, einheitliche Werte herauszugeben.
Quasi: Was in Florida als Check gilt, wird in Columbus nur müde belächelt (Teams willkürlich ausgesucht). Das führt dazu, dass die Heim-/Auswärts-Korrelation dieser Grössen sehr gering ist. Während der Fenwickwert - Summe aller ungeblockten Schussversuche, ein Mass für Puckbesitz - eine Heim/-Auswärts-Korrelation von 0.623 hat (also ein gut reproduzierbarer Wert ist), haben Bodychecks gerade eine Korrelation von 0.116. Noch schlimmer sieht es bei Giveaways und Takeaways aus, die beide eine Korrelation von -0.001 haben, der Heimwert einer Mannschaft also überhaupt nichts mit dem Auswärtswert zu tun hat. Und auch wenn ich den Offiziellen bei DEL-Spielen nicht zu nahe treten will, kann ich mir kaum vorstellen, dass in der DEL, die über deutlich weniger Mittel verfügt, eine bessere innere Konsistenz erreicht würde.

Deswegen: 

 

 

 

  • Checks setzen ist gut. Viele Checks auf dem Konto haben, nicht so gut.
  • Puck verlieren ist schlecht. Viele Puckverluste haben ist nicht so schlimm, weil das anzeigt, dass man den Puck hatte.
  • Puck abnehmen ist gut. Häufig den Puck abnehmen eher nicht, weil das bedeutet, dass man den Puck sehr oft nicht hatte

 

 

 

1Zur Verteidigung von ServusTV muss man natürlich erwähnen, dass die Kommentatoren hauptsächlich (zumindest in den Übertragungen, die ich gesehen habe) auf die "Zeit in Offensive" (die mit Fenwick/Corsi korreliert) oder Torschüsse eingegangen sind , was meiner Meinung nach deutlich sinnvoller ist, da es mehr auf den Spielverlauf eingeht.


2: nur Spieler, die 2011/12 den Grossteil der Saison gespielt haben

3:Korrelationen via @CamCharron