Die Aussagekraft der Game Winning Goals

Neben dem +/-Wert gibt es noch eine weitere häufig geführte Statistik, der ich nicht so recht traue. Nur im Gegensatz zur Plus-Minus-Wertung habe ich darüber noch keine 15 anderen Artikel gelesen, die diese Zahl als wertlos bezeichnen.

Die Game Winning Goals (GWG) messen die Anzahl spielentscheidender Treffer.

Sie sollen wohl anzeigen, ob ein Spieler die wichtigen Tore macht -"Trifft, wenn's zählt" - oder nur beim Stand von 4:0 das 5:0 draufsetzt. Meine Skepsis bezüglich der Game-Winner, so wie sie aktuell geführt werden, hatte folgende Gründe:

  • Ein Tor, das im Spiel das 4:1 bringt, wird bei einer kleinen Aufholjagd des Gegners und einem Endstand von 4:3 auf einmal der Game-Winner, obwohl zum Zeitpunkt als der Treffer erzielt wurde, es ein Tor zum 3-Tore-Vorsprung war, also ein eher unwichtiger Treffer, verglichen mit dem 2:1 oder dem 3:1
  • Die Tatsache, dass der entscheidende Treffer im Penaltyschiessen dazu gezählt wird
  • Tore hängen von der Schussquote ab, die stark fluktuiert. Wenn man nun die Stichprobe noch weiter einschränkt, also nur auf "entscheidende" Spielsituationen, können die Zahlen durch etwas Glück sehr extrem ausfallen
  • Topspieler haben nicht nur aufgrund ihres Könnens bessere Chancen auf viele Game-Winner, sondern haben zu diesen entscheidenden Zeiten, in denen im Normalfall das GWG fällt, auch überproportional mehr Eiszeit
  • Ein Spieler in Berlin wird wohl mehr GWG schiessen, als ein Spieler gleicher Güte in Augsburg

Um zu kontrollieren, ob diese Bedenken gerechtfertigt sind, habe ich mir mal die nackten Zahlen der letzten 6 Saisons angeschaut:

Die grosse Masse

Die wichtigste Eigenschaft einer aussagekräftigen Statistik ist meiner Meinung nach Reproduzierbarkeit.

Je stärker eine Grösse von Jahr zu Jahr schwankt, desto mehr ist sie wohl zufallsabhängig, denn andere Faktoren (Verletzungen, Leistungsabfall, etc.) werden in der Regel durch die Masse der anderen Datenpunkte überschattet.

Um zu überprüfen, wie stabil die GWG-Statistik ist, habe ich die Jahr-zu-Jahr-Korrelation berechnet. Also das Mass dafür, inwiefern ein Vorjahreswert einen auf den Wert des nächsten Jahres führt.

Dazu habe ich die Einzelstatistiken aller Spieler, die in den letzten 6 Saisons in der DEL gespielt haben, einander zugeordnet und die Korrelation zwischen den entsprechenden Saisons (also 07/08 zu 08/09, 08/09 zu 09/10, usw.) berechnet.

Das Resultat von 0.205 zeigt eine sehr schwache Korrelation zwischen den Werten. Das bedeutet, dass man lediglich 20% der Varianz des nächstjährigen Wertes durch den Vorjahreswert erklären kann, bzw. dass man den beobachteten Wert sehr stark zur Mitte zurückschrumpfen sollte, wenn man den geschätzten wahren Wert haben will.

Um zu kontrollieren, ob mehr Aussagekraft in der relativen Anzahl der Game-Winner liegt, habe ich die Korrelation ebenfalls für den Wert der Game-Winner pro Tor berechnet. Diese Korrelation lag bei -0.11. Die relative Anzahl führt also auch nicht zu Werten mit höherer Reproduzierbarkeit.

In der Masse kann man also keinen besonderen Wert auf die GWGs legen. Wenn DEL-Spieler #289 in einer Saison 4 Gamewinner erzielt, sollte man nicht darauf hoffen, dass er es nächste Saison nochmal tut.

Zum Vergleich hier noch ein paar weitere Korrelationskoeffizienten aus dem gleichen Datensatz:

  Korrelation der Werte in Jahr 1 zu denen in Jahr 2

Korrelation der Werte in Jahr 1 zu denen in Jahr 2

Kurz: Je höher die Korrelation, desto aussagekräftiger ist der Wert der letzten Saison für die Vorhersage des Wertes der nächsten Saison. Oder: Je höher der Korrelationskoeffizient, desto weniger Daten werden benötigt, bis man das Signal vom Rauschen trennen kann.

Ausreisser

Das war die Allgemeinheit, aber vielleicht handelt es sich hierbei um ein Talent, dass sich ähnlich wie die On-Ice-Sh% verhält, also dass nur einige Topspieler solch wichtige Tore wirklich auf Dauer merklich häufiger schiessen können.

Um nun zu sehen, ob es vielleicht Spitzenspieler gibt, die ein Talent erahnen lassen, entscheidende Tore zu schiessen (oder zumindest Tore zu schiessen, die der gegebenen Definition entsprechen), habe ich Spieler gesucht, die...

  • in einer Saison von 2007-08 bis 2012-13 unter den Top 5 der GWG-Schützen der Liga waren (wer die Gabe hat, wichtige Tore zu schiessen, wird es wohl so oft wie möglich tun)
  • mindestens 4 Jahre in der DEL gespielt haben, um eine vernünftige Datenmenge zur Verfügung zu haben
  • mindestens 80 Tore in der DEL geschossen haben (eine Erweiterung, damit keine S%-verschuldeten Eintagsfliegen auftauchen)

Diesen Kriterien entsprachen in den sechs Saisons 19 Spieler. Zur Überprüfung, ob sich diese Leistungen im Rest ihrer Karriere wiederfinden oder nur eine kurzfristige Erscheinung sind, werden die Saisons, in denen sie unter den Top 10 waren, mit dem Rest der Karriere verglichen.

Der absolute Mittelwert der Game-Winner pro Tor der DEL zwischen 2007/08 und 2012/13 entspricht 0.166  -  also 16.6% aller Tore oder ca. jeder sechste Treffer sind Game-Winner.

Der entsprechende Anhaltswert für Game-Winner pro Spiel ist 0.027, also ein durchschnittlicher DEL-Spieler (gefiltert nach Spielezahl) schiesst 0.027 Gamewinner pro Spiel, bzw. entscheidet 2,7% all seiner DEL-Spiele.

Rot markiert sind die 3 höchsten Werte jeder Spalte

Es gibt also durchaus Spieler, deren Game-Winner-Werte deutlich über dem Durchschnitt liegen.

Das Hauptproblem ist, dass sich auf dieser Liste kaum jemand findet, der nicht zu den besseren DEL-Offensivspielern zählt(e). Das heisst, all diese Spieler werden sich zur wichtigen Zeit auch auf dem Eis wieder finden, bzw. werden überdurchschnittlich viele Versuche im Penaltyschiessen bekommen.

Das macht es nahezu unmöglich, herauszufinden, ob die Topspieler nun eine besondere Fähigkeit haben, spielentscheidende Tore zu schiessen, oder ob es sich hierbei einfach nur um ihre normalen überdurchschnittlichen offensiven Fähigkeiten in Kombination mit einem sehr hohen Eiszeitanteil zur "wichtigen Zeit" handelt.

Fazit

In der Masse besitzt der Game-Winner nur eine sehr, sehr kleine Aussagekraft und bei den Spielern, die wirklich nach oben hin herausstechen, lässt sich mit den vorhandenen Daten nicht herausfinden, ob diese Leistung auf eisernen Nerven oder vorteilhafter Verwendung beruht.

Deshalb sollte dieser Wert bei der Beurteilung von Spielern keine Rolle spielen.

Einen grossen Anteil an der mangelhaften Signifikanz hat sicherlich die etwas willkürliche Definition des Game Winning Goals.

Ein besserer Ansatz zur Überprüfung, ob es tatsächlich Spieler gibt, die zu "wichtigen Zeiten" besser spielen, wäre es, sich die Tore des jeweiligen Spielers abhängig vom Spielstand anzuschauen. Viele Tore können nachträglich zum Game-Winner werden. 

Ein Tor bei ausgeglichenem Spiel ist immer ein Tor, das die eigene Mannschaft in Führung bringt und hat deshalb einen eindeutigen und konstanten Wert, der unabhängig vom weiteren Verlauf des Spiels steht. Auch der Einbezug von Toren im Penaltyschiessen trägt nicht zur statistischen Aussagekraft bei.

Jemand, der Tore in ausgeglichenen Spielsituationen schiesst (siehe Anm. 2), trifft meiner Meinung nach die Beschreibung "Trifft, wenn's zählt" deutlich besser als jemand, der viele GWG erzielt.

Anm. 1: Jeff Ulmers ursprüngliche Ausreissersaison war 2009-10, aber bei der Betrachtung seiner Karrierestatistiken fand sich ein noch grösserer Ausreisser 2005/06, die Anhaltswerte gelten trotzdem.

Anm. 2: Mein persönlicher Vorschlag wäre Führungstreffer und Ausgleichstreffer zu führen, "FT" und "AT", sogar deutsche Namen und Abkürzungen!