Matt Dzieduszycki und Schussquoten

Matt Dzieduszycki hat eine sehr gute Saison 2012/2013 hinter sich. Der 'Diesel' hat mit seinen 31 Treffern eine recht seltene DEL-Marke durchbrochen. Er ist erst der neunte Spieler, der es seit dem (mittlerweile vorletzten) NHL-Lockout geschafft hat, in einer Saison 30 Treffer zu erzielen. Zweifelsohne keine alltägliche Leistung.

Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass er nächste Saison nicht mehr als 24 Tore für Wolfsburg schiessen wird. Genauso, wie ich behaupten würde, dass Andreas Driendl keine 15 Tore für Krefeld schiesst. Oder Felix Schütz und Derek Hahn wohl keine 20!
Was haben nun all diese Spieler gemeinsam?
Eine überhöhte Schussquote!

 

Warum 'überhöht'?

Obwohl eine hohe Schussquote etwas durchaus Erstrebenswertes ist, ist eine überhöhte Schussquote kein gutes Zeichen für Mannschaften. Während eine hohe Schussquote einfach nur einen talentierten Spieler kennzeichnet, ist eine überhöhte Schussquote eine Abweichung von der Norm, die sich wahrscheinlich sehr bald wieder auf einen realistischeren Wert herunterkorrigiert.
Die Unterscheidung zwischen einfach nur hoch und überhöht lässt sich nur mit Erfahrungswerten treffen und ist selbst dann keine eindeutige Berechnung. Im Optimalfall hat man eine ganze Karriere an Daten in einer Liga, was vor allem bei Importspielern in der DEL selten der Fall ist.
Matt Dzieduszycki hat in seiner DEL-Karriere vor der Saison 2012/13 in 6 Saisons 848 Schüsse auf gegnerische Tore abgegeben. Von denen fanden 103 ihren Weg ins Netz. Das ergibt eine respektable Schussquote von 12.15% (die Durchschnittsschussquote der DEL betrug 2012/13 8.97%). Diese Saison feuert er aber mit 19.2% Erfolg. Das ist ein Wert, der so deutlich über seinem DEL-Durchschnitt liegt, dass man mit ziemlicher Sicherheit von überhöht sprechen kann. Mit seiner persönlichen Durchschnittsschussquote hätte er in dieser Saison lediglich 20 (19.55) Tore erzielt.
Die Vertragsverlängerung, die er während der Saison in Wolfsburg unterzeichnet hat, wird aber zweifelsohne ein Gehalt beinhalten, das dem eines 25-30 Tore-Stürmers entspricht. Für eine Mannschaft mit einem beschränkten Budget kann solch ein Ausreisser, der eine Überbezahlung mit sich zieht, durchaus Folgen haben. Auch was die Interpretation der Qualität des Kaders anbelangt.
Solche Ausreisser korrigieren sich natürlich über den Verlauf einer Karriere.
Beispiele hierfür gibt es in der DEL genug:

*Der Einfachheit halber werden Werte auf ein Spiel heruntergerechnet, um die schwankenden Spielzahlen auszugleichen und die Datenmenge in einem vernünftigen Rahmen zu halten.

Jared Ross:
2011/12: 23 Tore in 52 Spielen / 19.33% / 0.442 Tore pro Spiel
2012/13 10 Tore in 51 Spielen / 8.85% / 0.196 Tore pro Spiel


Barry Tallackson:
2010/11: 29 Tore in 51 Spielen / 19.73% / 0.569 Tore pro Spiel
2011/12: 22 Tore in 52 Spielen / 12.57% / 0.423 Tore pro Spiel
2012/13: 12 Tore in 52 Spielen / 8.28 % / 0.231 Tore pro Spiel


Joe Motzko:
DEL ohne 2010/11: 41 Tore in 144 Spielen / 10.1% / 0.285 Tore pro Spiel
2010/11: 28 Tore in 50 Spielen / 18.92% / 0.560 Tore pro Spiel


Michael Endraß:
DEL ohne 2009/10: 11 Tore in 202 Spielen / 6.18% / 0.054 Tore pro Spiel
2009/10: 12 Tore in 55 Spielen / 21.42% / 0.218 Tore pro Spiel


Über den Verlauf einer Saison können einzelne Spieler also Schussquoten erzielen, die deutlich über ihrer 'wahren' Quote liegen. Natürlich gibt es auch das Gegenbeispiel wie Evan Kaufman 09/10 oder Kai Hospelt 2010/11, bei denen beide Spieler eine unterdurchschnittliche Saison hatten. Beide haben sich aber in der darauffolgenden Saison wieder gefangen. 
Die Schussquote eines Spielers ist somit kein konstanter Wert, sondern ein Wert, der jede Saison fluktuiert. Der grosse Unterschied zur Teamschussquote ist, dass die Zahl, um die die Werte schwingen durchaus deutlich über/unter dem Ligaschnitt liegen können. Denn ein Stürmer schiesst natürlich besser als ein Verteidiger, ein Torjäger besser als ein Spieler aus der 4. Reihe, etc.

Die Besten der Welt

Allerdings sind auch hier die Unterschiede nicht so gross, wie man es vielleicht vermuten würde. 
Während des Lockouts durfte man in Deutschland so manche NHL-Grösse in DEL-Hallen erleben.  Und mit Claude Giroux, Daniel Briére, Jamie Benn, etc. kamen Spieler, die auch in der besten Liga der Welt für viel Offensive sorgen können. Deren Schussquoten sollten doch merklich über denen unserer heimischen DEL-Spieler liegen!

Jamie Benn: 10%
Blake Wheeler: 8%
Daniel Briere: 11%
Christian Ehrhoff: 8%
Claude Giroux: 14%
Paul Stastny: 11%
Marcel Goc: 11%

Keine überwältigenden Zahlen für Leute, die normalerweise Pucks an den besten Torhütern der Welt vorbeibringen. Hieran zeigt sich, dass Schussquoten einzelner Spieler aufgrund verhältnismässig kleiner Stichproben recht lange brauchen, um sich zu normalisieren, also den 'wahren' Mittelwert zu finden. Im Verlaufe einer ganzen Saison oder einer gesamten Karriere in der DEL würde ein Spieler wie Jamie Benn wohl einen höheren Prozentsatz seiner Schüsse verwerten als z.B. ein Ronny Arendt.

Der Unterschied zwischen echten Topscorern und Rollenspielern liegt eben auf Dauer gesehen nicht nur in der Schussquote, sondern auch an der Anzahl Schüssen, die diese selbst aufs Tor bringen oder in die Wege leiten. Und dort zeigen die NHLer ihr wahres Gesicht. Stastny und Wheeler schossen jeweils fast 5 mal pro Spiel aufs Tor. Und auch Briere, Giroux und Benn finden sich hier an der Ligaspitze mit Werten deutlich über 3 wieder - Ronny Arendt schiesst übrigens 1.26 mal im Spiel aufs Tor - wenn auch nicht so weit über dem Rest der Liga (ca. die Top 15 der DEL schaffen Werte von über 3 Torschüssen pro Spiel). Dass diese Spieler das ohne nennenswerte Einspielzeit mit ihren kurzfristigen Mannschaftskameraden schaffen, zeigt doch deren Niveau. Dass ihre Schussquoten sich trotzdem in Grenzen halten, zeigt allerdings die Zufallsabhängigkeit dieser Grösse.

Für einen Spieler wie Matt Dzieduszycki wandert seine wahre Erfolgsrate in der DEL wohl um 11-14%. Die Tatsache, dass sie letzte Saison deutlich darüber liegt, macht ihn nicht zu einem besseren Spieler. Die 'bounces' oder das Scheibenglück lag letzte Saison eben auf seiner Seite. Das ist ein gegnerischer Verteidiger, der wegrutscht, ein Abpraller, der auf seinem Schläger landet, ein Torwart, der daneben greift, ein Pass, der irgendwie doch durchkommt. Es macht zwar sicher nicht jeder Spieler aus diesem Scheibenglück 31 Tore, aber ein besserer Spieler als vor dieser Saison ist Dzieduszycki wahrscheinlich trotzdem nicht. Wolfsburg hat wohl darauf gesetzt, dass das nächste Saison wieder so sein wird. Ich habe meine Zweifel.