Finanzieller Determinismus oder mangelnde Kreativität

Was mir immer etwas gegen den Strich geht sind die stetigen Beschwerden über mangelnde Ausgeglichenheit im europäischen Eishockey. Die Geldschere geht zu weit auseinander. Wie sollen die kleinen Teams denn mit den Red Bulls mithalten? Ein Salary Cap ist die einzige Möglichkeit, das Eishockey spannender zu machen!
Unabhängig davon, wie unlauter diese Aussagen sind - stammen sie doch von den gleichen Schreiberlingen/Kommentatoren, die gerne die Ausgeglichenheit und den "jeder kann jeden schlagen"-Reiz des Eishockeys loben - erleben wir wirklich einen finanziellen Determinismus? Also: Ist der nächstjährige Meister durch die Budgettabelle schon entschieden?
Ich würde argumentieren, dass so etwas in einem derart ineffizienten Markt wie dem der Eishockeyspieler nicht möglich ist. Was viele Teams zurückhält ist ein Mangel an Kreativität.

Folgender Absatz aus Moneyball beschreibt die Situation recht präzise:

There was no simple way to approach the problem that Billy Beane was trying to solve. It read like an extra credit question on an algebra quiz: You have $40 million to spend on 25 baseball players. Your opponent has already spent $126 million on its own 25 players and holds perhaps another $100 million in reserve. What do you do with your forty million to avoid humiliating defeat?
"What you don't do," said Billy, "is what the Yankees do. If we do what Yankees do, we lose every time, because they're doing it with three times more money than we are."
A poor team couldn't afford to go out shopping for big league stars in the prime of their careers. It couldn't even afford to go out and buy averagely priced players. The average big league salary was $2.3 million. The average A's opening day salary was a bit less than $1.5 million. The poor team was forced to find bargains: young players and whatever older guys the market had undervalued. It would seem highly unlikely, given the wage inflation in pro baseball over the past twenty-five years, that any established big league player was underpriced. If the market was even close to rational, all the real talent would have been bought up by the rich teams.

Kernaussage: Wenn man als armes Team die gleichen Methoden verwendet, die reiche Teams verwenden, verliert man. Schliesslich haben die reichen Teams mehr Geld um diese umzusetzen.

Also müssen andere Methoden her. Kreativität ist gefragt. Leichter gesagt als getan. Wobei es in den letzten Jahren schon ein gutes Beispiel gibt:

Iserlohn: Zwar nicht die beliebteste Art der Kreativität, aber die Strategie "Wenn's in Deutschland keine anderen guten Hockeyspieler mit deutschem Pass mehr gibt, suchen wir uns halt welche in Nordamerika" war zweifelsohne effektiv. Als deutscher Eishockeyfan hält sich die Begeisterung zwar in Grenzen, als Wertschätzer cleverer Kaderplanung muss man Iserlohn allerdings dafür loben.
Also, Methode 1: Andere Märkte für die Spielersuche bemühen

Das gilt nicht nur für Kanadier mit deutschen Ahnen. DEL-Teams schenken Spielern aus nicht-nordamerikanischen Märkten allgemein wenig Beachtung. Spieler aus weniger angesehenen Ligen in Dänemark und Norwegen können auch in der DEL funktionieren.

Beispiele wie Mads Christensen und Andreas Martinsen scheinen keinen Eindruck hinterlassen zu haben. Ob Mats Rosseli Olsen, beide Olimbs, Roymark, Storm, Jensen, alle haben in jungen Jahren in ihren Heimatligen hervorragend gespielt und haben dann in prestigeträchtigeren Ligen ihr Können unter Beweis gestellt. Man kann die achte und neunte Ausländerstelle mit so jemandem besetzen, statt mit einem AHLer, den Mannheim, Nürnberg und Ingolstadt nicht wollten. Jemandem, der die DEL als Chance sieht, sich für mehr zu empfehlen. Statt als Zeichen, dass der Traum NHL endgültig geplatzt ist.
Womit wir schon beim nächsten Punkt wären: Auf junge Spieler setzen. Ob talentierte Spieler aus den weniger spielstarken nordischen Ligen oder den eigenen Nachwuchs. Junge Spieler haben den Vorteil, dass sie in Gehaltsverhandlungen deutlich weniger Druckmittel haben (siehe hier). Und dass bei ihnen die Möglichkeit der Verbesserung besteht. Für DEL-Teams ist das natürlich schwerer als für Teams in Nicht-Hockey-Schwellenländern, die Logik bleibt aber dennoch bestehen.

Gruppendenken vorbeugen

Wenn man Dinge anders machen will, muss man bestehende Strukturen aufbrechen. Und die sind im Eishockey sehr stabil. Faktoren, die zu Gruppendenken führen können (bei Wikipedia abgeschrieben):

  • Gruppenkohäsion (Gruppe besteht aus ähnlichen Menschen, Menschen, die sich gut verstehen, etc.) -> Sportliche Leitungen sind sehr kohärent. Hauptsächlich männliche Ex-Profis.
  • Abschottung nach Aussen
  • fehlende Objektivität seitens der Führungskraft
  • mangelhafte oder sogar fehlende Normen/ Prozesse, um systematisch Handlungsalternativen abzuwägen
  • Bestehen einer (im Gruppenempfinden) bedrohlichen Situation, die starken Stress und viel Emotionalität auslöst -> Erfolgsdruck

Und die Folgen von Gruppendenken:

  • Betrachtung von wenigen, ausgewählten Alternativen
  • Nichtbeachtung der Meinung von Experten oder Außenstehenden
  • sehr selektive Informationsbeschaffung (nur Informationen, welche in die bereits eingeschlagene Richtung passen), kein aktives Bemühen um zusätzliche Informationen -> Confirmation Bias
  • einzelne Gruppenmitglieder bestätigen sich gegenseitig ihre Theorien

Die passen doch recht gut auf die Thematik hier. Das soll natürlich nicht heissen, dass Ex-Spieler keine guten Manager sein können. Oder dass eine Sportliche Leitung, die nur aus Clublegenden besteht, ihre Aufgabe nicht sehr gut erfüllen kann. Aber es ist eben wichtig, sich dieser Rahmenbedingungen bewusst zu sein und gegenzusteuern. Oder eben die Rahmenbedingungen zu ändern und bewusst andere Stimmen ins Boot zu holen. Womit wir bei der nächsten Möglichkeit wären: Bessere Spielerbeurteilung

Von einem Sportchef zu erwarten, dass er sowohl ein guter Verhandlungsführer, Scout, Kaderkonstrukteur, Jugendkoordinator, Buchhalter und Manager ist, ist unrealistisch. Beziehungsweise bei einem Proficlub, bei dem die Budgets sieben- oder achtstellig sind, ist es nicht verantwortungsvoll all diese Aufgaben einer Person zu überlassen. Das merkt man im Profisport immer mehr. Die Sportlichen Leitungen werden immer grösser und das zurecht. Bei Trainern hat man dies schon weit früher festgestellt. Einen/Zwei Assistenten, ein Videocoach gehören heutzutage zum Standard. Das gleiche sollte meiner Meinung nach für die Sportliche Leitung gelten. Ein Trainer braucht (im Nicht-Groupthink-Idealfall) Assistenten mit unterschiedlichen Ansichten um Dinge auszudiskutieren und bessere Entscheidungen zu treffen. Für Manager gilt das gleiche. Scouting und tiefergehende Statistiken (deren Vorteile ich hier nicht erneut predigen will) gehören zum modernen Profisport dazu. So mancher Sportchef hat im Alltag keine Zeit, Spieler zu "entdecken" und verlässt sich darauf,  was ihm Agenten oder "Kontakte" anbieten. Aber wenn man Spieler mit sechsstelligen Gehältern verpflichtet, sollte man es sich erlauben können, z.B. einen Scout anzustellen, um diese Personalentscheidungen effizienter gestalten zu können. Nimmt man Spieler unter Vertrag, die man 5 Mal spielen gesehen hat, geht deutlich mehr schief, als wenn man einen detaillierten Scoutingbericht zum Vergleich zur eigenen Meinung hat.

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Solange "Neuausrichtung" bei Eishockeyclubs aber weiterhin bedeutet, dass man den alten Ex-Spieler im Management durch eine neue ehemalige Vereinslegende ersetzt und die alten Strukturen beibehält, werden sich neue Ideen auch in Zukunft nur an wenigen Orten durchsetzen können. Das soll keine pauschale Verurteilung der gesamten Eishockeywelt sein. Schliesslich ist es als Aussenstehender recht einfach, "neu", "anders" und "mehr Risiko" zu plärren, wenn es nicht um den eigenen Lebensunterhalt geht. Andererseits denke ich wirklich, dass es vielerorts eben an etwas Kreativität fehlt, um die bestehenden Budgetunterschiede wettzumachen und für länger als nur einen magischen Playoffrun alle 20 Jahre über den eigenen Verhältnissen leben zu können.

 

*Worauf ich im Artikel nicht eingegangen bin, sind taktische Mittel im Spiel. Ob simple Erkenntnisse wie "Dump-ins vermeiden", oder ausgefeiltere Bullystrategien, ich glaube das Eishockey wird auch bald eine Laptoptrainergeneration erleben, die die alte kanadische "when in doubt, out"-Generation ersetzt.