5 plus Spieldauer-Buchklub: The Only Rule Is it Has to Work

Es mag ein wenig komisch erscheinen, dass sich ein Eishockeyblog mehrmals mit der Rezension von Baseballbüchern befasst. Aber in meinem Fall gibt es hierfür einen guten Grund. Die Invasion von auf Beweisen gestützten Denkens im Eishockey ist noch nicht sonderlich lange im Gange. Bei weitem nicht so lang wie im Baseball. Und unter anderem deswegen ist diese nicht in gleichem Masse von Erfolg gekrönt worden. Und entsprechend finden sich auch wenige Werke, die die bisher im Eishockey unternommenen Versuche erklären und dokumentieren.

Eventuell gibt es irgendwann jemanden, dem es gestattet wird, die Sportliche Leitung der Füchse Duisburg oder des EHC Freiburg zu übernehmen und das Team nach aus statistischen Erkenntnissen gebildeten Regeln zu führen. Und vielleicht beschreiben diese Herren dann ihre Bemühungen, in und um die Kabine Gehör und Akzeptanz zu finden und möglichst nicht mehr wie ein Fremdkörper zu wirken. Oder wie der Trainer schlechteren Spielern Eiszeit gibt und bessere Spieler ignoriert, weil "Offensivspieler in der Top 6 spielen" oder "Man Defensivspieler mit viel Wasserverdrängung braucht". Und eventuell schafft es das Buch auch, zu beschreiben, wie kompliziert das Innenleben einer Mannschaft sein kann. Und dass man im Eishockey manchmal trotz bester Ideen und Absichten verliert und sich dem Willen des Sports beugen muss.
Im Optimalfall schafft es der Autor sogar, zu vermitteln, dass trotz der Machokultur und Ausschliessung von Aussenseitern immer noch etwas wahnsinnig tolles daran sein kann, sich als Gruppe von Männern wie Jungs zu verhalten, während man ein Spiel spielt.*

Bis dieses Buch geschrieben wird, muss man sich aber mit The Only Rule Is it has to Work von Ben Lindbergh und Sam Miller abfinden. Obwohl "abfinden" eigentlich das komplett falsche Verb ist.
Für jemanden, der sich mit den Kordhosen-tragenden Statistiknerds die hier als Autoren und Protagonisten dienen, identifizieren kann, handelt es sich hier um ein sehr einsichtsreiches Buch. Wie die Idee eines grandiosen Experiments ("Die Spieler sind unsere Laborratten und wir testen alle möglichen innovativen Baseballstrategien an ihnen aus") sich langsam abschwächt, da man realisiert, dass immer noch die Spieler die Hauptakteure auf dem Feld sind. Diese Hauptakteure sind Menschen, die an dem Traum ihrer grossen Baseballkarriere arbeiten und daher nicht unbedingt daran interessiert sind, sich für die Experimente zweier Exceltabellenfanatiker lächerlich zu machen.
Aber auch für Leser mit weniger persönlicher Identifikation für die beiden Protagonisten hat das Buch einiges zu bieten. Es ist ein äusserst lustiger Blick auf die Interaktionen die entstehen, wenn zwei Aussenseiter in eine Kultur eindringen, die sich sehr lange vor ebendiesen verschlossen hat und ein Einblick in die tiefste Riege des Profisports, in der so spärlich bezahlt wird, dass der Begriff Profi durchaus in Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt werden darf.

Und zwischen dem Grinsen und Kichern schaffen es Lindbergh und Miller sogar, dass ich die Beschreibung des Saisonfinales einer Indy League so gespannt lese, wie ich es zuletzt mit dem vierten Teil der Harry Potter-Serie vor über 10 Jahren getan habe.**

 

*Zweifelsohne können Frauenteams derartige Erfahrungen auch haben. Mir schienen "Jungs und Männer" einfach stilistisch besser als "Kinder und Erwachsene"

**Zugegebenermassen hat das sicher mehr damit zu tun, dass ich seither hauptsächlich Sachbücher gelesen habe und soll nicht, dass seit Harry Potter und der Feuerkelch kein spannendes Buch mehr erschienen ist.