Bullys sind nicht so wichtig

Wenn man eine x-beliebige Übertragung eines Eishockeyspiels einschaltet, stehen die Chancen nicht schlecht, dass man sich anhören darf, wie wichtig und entscheidend Bullys doch sind und wie toll es ist, einen Spieler wie xy zu haben, der die wichtigen Bullys gewinnt. Die Wahrheit sieht allerdings etwas anders aus. Überlegt man sich mal genau, was ein Bully ist, wird das meiner Meinung nach auch klar. Eigentlich ist ein Bully ja nichts anderes als ein etwas strenger regulierter Zweikampf. Und davon gibt es Hunderte pro Spiel. Natürlich sind Bullys ein kleines bisschen interessanter, da es einfacher ist, Spielzüge für Bullys einzustudieren, als für einen Zweikampf an der Mittellinie. Daher schiessen einem auch schnell Bilder von Szenen in den Kopf, in denen schicke "Set plays", also geplante Spielzüge vom Bully weg, direkt zu sehenswerten Toren führen. Doch diese stellen eher die Ausnahme als die Regel dar.

Gabe Desjardins hat sich mal daran gemacht, den Wert von gewonnenen Bullys in der NHL auszurechnen. Demnach sind 100 (!) gewonnene Bullys im Offensivdrittel 2.45 Tore wert. 100 gewonnenes Bully in der NZ 0.9 Tore. Nicht nur ist das sehr wenig, sondern um den Effekt von guten Bullyspielern genau beschreiben zu können, muss man sich auch vor Augen führen, wie gut gute Bullyspieler wirklich sind. Patrice Bergeron ist in den letzten Jahren der beste Bullyspieler der NHL. Mit Abstand. Er hat seit 2013-14 bei 5v5 1858 Bullys gewonnen und 1284 verloren. Macht 574 gewonnene Bullys mehr als verloren. Oder knapp 3 pro Spiel. Nicht sonderlich viel. 

So erklärt sich auch, wieso Bergerons Bully-Stärke den Bruins in den letzten beiden Saisons gerade einmal ca. 7 GAR (Goals Above Replacement, Tore mehr als ein jederzeit verfügbarer Ersatzspieler) gebracht hat (siehe WAR-on-Ice). Denn selbst die besten Bullyspieler gewinnen eben nur maximal 60% ihrer Bullys und es gibt einfach nicht genug Anspiele, um diese 60% zu einem wichtigen Faktor zu machen.

Natürlich springen Bullys leicht ins Auge. Und sind leicht zu zählen. Aber im Grunde genommen ist ein Bully auch nur einer von zahlreichen Zweikämpfen in jedem Spiel. Es ist zweifelsohne nützlich, diesen Zweikampf zu gewinnen. Aber verglichen mit vielen anderen Qualitäten eines Spielers, die sich - vielleicht nicht genauso simpel, aber dennoch ohne grossartigen Aufwand - quantifizieren lassen, ist die Häufigkeit, mit der er Bullys gewinnt, recht unwichtig.
Ich höre zum Beispiel nie, dass jemand Philip Gogulla oder Kai Hospelt lobt, weil sie gefühlt in spätestens jedem zweiten Spiel eine Strafe ziehen. Das hat über den Verlauf einer Saison einen wesentlich grösseren positiven Effekt auf die Leistungen der Mannschaft. So gesehen sollte man Bullys besser einordnen. Es gewinnen selbst die besten Bullyspieler nur 6/10 Bullys, daher muss man schon enorm viele (lies: unrealistisch viele) Bullys spielen, um ernsthaft positiv davon zu profitieren.